Samstag, 22. August 2020

Typisch Evangelisch Grundbegriffe des Glaubens von Siegfried Kettling (u.a. eine mögliche Antwort Martin Luthers auf Friedrich Nietzsche)

 Ich habe mit dem Lesen dieses Buches begonnen und bin tief beeindruckt.

„justitia distributiva“ = so fasste Luther zuerst Gottes Gerechtigkeit auf: fordernd, strafend, verurteilende Instanz. (S. 16)

Die Leistungsgerechtigkeit = «justitia activa» trieb Luther in die Verzweiflung und teilweise in einen Gottes Hass.

S. 23: hier ist Luther gar nicht so weit weg, wie der Philosoph Friedrich Nietzsche, der « Die Moral, das Gottesgebot, das Gewissen, vor allem aber Gott selbst, muss weg. Gepriesen sei der Antichrist, der uns das neue ‘moralinfreie’ Leben ermöglicht, das Leben in Freiheit, das Leben ‘jenseits von gut und böse’.

Martin Luther hätte diesem Philosophen geantwortet: Das, was du suchst, das, was du unter Abschaffung Gottes erstrebst, eben das hat Gott uns in Jesus Christus geschenkt! Er hat uns einen Platz, einen festen Standort geschenkt, der nicht begründet ist durch unsere guten Werke und der nicht unterwühlt und gesprengt wird durch all unsere Bosheiten. Die Gnade gibt uns eine Position jenseits, oberhalb all unserer Taten, jenseits und oberhalb der Forderung und des  vernichtenden Urteils des Gesetzes. Jesus Christus nimmt uns in Gnaden an, das ist in der Tat ‘eine transmoralische Rechtfertigung des Menschen’ (Rohrmoser). Nicht wegen unserer Werke werden wir gerechtfertigt.»

Denn die «justitia passiva» ist ganz anders!

 «Er ist uns gemacht zur Gerechtigkeit» (1 Kor 1,30).

Darum ist Jesus (laut Luther): «der grösste Räuber, Mörder, Ehebrecher, Dieb, Tempelschänder, Lästerer …, der durch keinen Verbrecher in der Welt je übertroffen wird» (S. 16 und 17).

 So radikal habe ich noch nie die Begründung für die  Gnade Gottes gehört.

 

«Die ganze Gewalt liegt darin, dass einer die Pronomina gut auf sich bezieht.» sagt Luther (S. 17): «Für dich!»

 «Alle ist verloren, wenn wir an dieser Stelle ‘Christum von den Sünden und den Sündern scheiden’ (S. 159), in etwa als Vorbild anpreisen, das wir nachbilden sollen. Das stürzt uns nur wieder in den tödlichen Strudel der Werkerei. Hier haben  wir uns dem zu beugen, dürfen uns dem überlassen, sollen das jubelnd anbeten, was Gott tat: Unsere Sünde hat er mit dem reinen Jesus Christus zusammengebunden und gerade so uns von unser Sünde für ewig getrennt.»

 Luther:

«’Was immer ich und du  und alle an Sünden begangenen haben und in Zukunft noch begehen werden, gehört so eigentlich zu Christus, als wenn er selbst diese Sünden begangen hätte. Alles in allem, es muss unserer Sünde  Christi eigene Sünde werden, oder wir sind in Ewigkeit verloren … Das ist unser höchster Trost, Christus … so einhülle zu dürfen in meine, deine und der ganzen Welt Sünden, dass wir ihn sehen dürfen als den, der unser aller Sünde trägt’. (S. 169). «Gott hat unsere Sünde nicht auf uns, sondern auf Christus, seinen Sohn, gelegt’ (S. 169).»

 Kettling  spricht davon, dass in der Christologie nicht so von Jesus gesprochen werden darf: Das wäre Gotteslästerung. Aber in der Rechtfertigungslehre ist es heilsnotwendig:

 Luther: «Du sollst Petrus sein, jener Verleugner, du sollst Paulus sein, jener Verfolger, Lästerer und Gewaltmensch, du sollst David sein, jener Ehebrecher, du sollst jener Sünder sein, der die Frucht im Paradies ass, jener Räber am Kreuz, in Summa: du sollst aller Menschen Person sein und sollst aller Menschen Sünde getan haben’ (169 f.).

Du sollst Petrus sein, du sollst Siegfried Kettling sein – das ist das rettende Wort. Dass wir ja hier Jesus nicht für sich nehmen. Jesus ist nicht irgendeine Privatperson, …» (Seite 19)

Christus ist Kettler, André,  … Wir sind in Christus.

 Das sei auch damit gemeint, dass wir nicht mehr leben, sondern Christus lebt in uns.

 Wieder Luther:

 «Wenn du … in der Sache der Rechtfertigung die Person Christi und deine Person unterscheidest, bist du im Gesetz, bleibst drin und lebst in dir; und das heisst tot sein bei Gott und von dem Gesetz verdammt werden’ (S. 111).»

 Das bedeutet «in Christus» sein. Ich war mir bisher über diese tiefe dieser Worte nicht bewusst. Die entsprechende Stelle im Römerbrief habe ich nie wirklich verstanden. Und ich glaube, Du hast auch «etwas von eins werden und nicht mehr ich lebe ich» gesprochen. Ich habe das damals noch nicht verstanden, da es mich etwas an die östliche Mystik erinnerte, als ob die Persönlichkeit sich auflöse. Hier geht es aber darum, dass ich für die Sünde und für das Gesetz tot bin!!!! Jemand fragte hier schon, dann könnte ich verloren gehen, wenn ich beim Sterben nicht mit Christus eins bin. Es war schwer zu antworten. Aus diesem Grunde stand in meinem alten Kirchengesangbuch Gebete, die man mit einem Sterbenden beten könnte. «Willst Du auf das Vertrauen in Christus hin Deine Seele Jesus Christus anvertrauen?» Vermutlich ist es wieder das Leistungsdenken (oder gesundes Erkennen der Gefahr ohne Jesus leben zu können?): Dabei geht es eben nicht um eine Leistungsgerechtigkeit, sondern um eine Beziehungsgerechtigkeit. Es liegt alles am Verständnis der Begriffe:

Gerechtigkeit, Glaube, Liebe, Hoffnung, und ich vermute sogar «Leistung», d.h. die guten Werke, kann man als Leistungsbegriffe oder – wie es biblisch wäre – als Gnadenbegriffe, als Beziehungsbegriffe verstehen. So ist der biblische Glaube kein Fortstellungskraft-Glaube, sondern ein Beziehungsglaube! Auch die Gerechtigkeit ist eine Beziehungsgerechtigkeit, d.h. Gott ist gerecht = Gott ist treu + Gott ist barmherzig. Gott hält, was er verspricht. Und das bedeutet, wenn ich Gerecht leben will, lebe ich treu und barmherzig! Ich lebe Beziehung!

 Dazu Kettling:

 «Erstaunlich genug: Ich darf Christus und mich nicht unterscheiden; kann ich mich denn mit ihm identifizieren? Bin ich etwa Jesus?

Ich sage es zunächst theologisch: Was in der Christologie verboten ist, eine Lästerung, genau das isst in der Rechtfertigungslehre geboten, ist heilsnotwendig. Was meint das?

In der Christologie (der Lehre von der Person Jesu) betone ich zunächst den unendlichen Abstand zwischen Ihm und mir, zwischen dem ‘eingeborenen Sohn Gottes’ und mir, zwischen dem ‘eingeborenen Sohn Gottes’ und mir, dem Adamskind. Da werde ich gegen jede ‘Jesulogie’ kämpfen, d.h. gegen jeden Versuch, Jesus von unten, von unserem menschlichen Niveau her zu definieren – etwa als den Gipfel der Menschheit, als das höchste Exemplar, das unsere Gattung ‘homo sapiens’ hervorbrachte. Dabei ist es belanglos, ob man von dem Religionsstifter, dem Genie der Liebe, dem Sozialreformer, dem Lehrer der Humanität oder anderem schwärmt. Nein, Jesus ist nicht der Mount …» (S. 19 + 20)

 «Aber nun ist dieser Herr Knecht geworden, das ewige Wort ward Fleisch. Nun hat dieser Eine mein Fleisch und Blut, meine Sünde und meinen Tod, ja meine Person selbst angenommen. Und nun muss ich,  was meine Rettung ,was die Rechtfertigung betrifft, weil Gott es so will, anders reden. Zugespitzt: Was in der Christologie nichts als Lästerung wäre, das ist hier mein einziger Halt und meine ganze Seligkeit. Weil Christus sich mit mir identifizierte (‘Du sollst Petrus ein, du sollst Siegfried Kettling sein …’), darum wage ich es, in Gottes Namen zu sagen: ‘Ich bin Christus’»:»

 Das finde ich nun etwas gewagt. Luther sagte es so:

 «Durch den Glauben wirst ‘du so mit Christus zusammengeschweisst …, dass aus dir und ihm gleichsam eine Person wird, die man von ihm nicht losreissen kann, sondern die beständig ihm anhangt und spricht: Ich bin Christus; und Christus wiederum spricht: Ich bin jener Sünder, der an mir hängt und an dem ich hänge …

Denn wir sind durch den Glauben zu einem Fleisch und Bein verbunden … So dass dieser Glaube Christus und mich enger verbindet als Gatte und Gattin verbunden sind’ (S. 111).» (S. 20 + 21)

 «Wer dem Herrn anhangt, der ist ein Geist mit ihm.» (1. Kor. 6,17)

 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern  Christus lebt in mir.» (Gal 2,20)

 Luther nennt das den fröhlichen Tausch:

 «’Der einzige Weg, dem Fluch zu entgehen, ist zu glauben und im gewissen Vertrauen zu sagen: Du Christe, bist meine Sünde und mein Fluch, ja vielmehr: ich bin diene Sünde, dein Fluch, dein Tod, dein Zorn Gottes, deine Hölle; du dagegen bist meine Gerechtigkeit, Segen, Leben, Gnade Gottes, mein Himmel»’ (S. 174).

Das darf ich Sünde, Tod und Teufel, der anklagenden Stimme des Gesetzes und dem schlagenden Gewissen entgegenrufen: ‘Christus ist hier!’». (S. 21)

 «Halten wir fest: ‘Wenn du in der Sache der Rechtfertigung die Person Christi und diene Person unterscheidest, bist du vom Gesetz verdammt.’ Darum will ich sprechen:

‘Wenn ich an Christus glaube, stehe ich mit ihm auf und sterbe meinem Grab, das ist dem Gesetz, das mich gefangen hielt: … ich bin meinem Kerker entronnen und meinem Grab, nämlich dem Gesetz. So hat es kein Recht mehr, mich anzuklagen und zurückzuhalten, weil ich auferstanden bin’ (S. 105).» (S. 21 + 22)

 Transplantation:

«Luther aber sagt: Die Tatsache, dass Christus in mir wohnt, macht, ‘dass und ich aus meiner Haut herauskomme und in Christus und in sein Reich versetzt werde …’ (S. 110).» (S. 22)

 

«Das ist der Grund, warum unsere Theologie Gewissheit hat: Sie reisst uns von uns selber weg und stellt uns ausserhalb unser (extra nos), so dass wir uns nicht auf unsere Kräfte, Gewissen Sinn, Person, auf unsere Werke stützen, sondern auf das, was ausserhalb unser ist, nämlich auf die Verheissung und Wahrheit Gottes, der nicht täuschen kann’ (S. 228).» (S. 22 + 23)

 Nur das hilft: Weil:

«In der Person-Sünde wurzeln alle Tat-Sünden. Weil der Baum kernfaul ist, darum stinken die Früchte. Ich habe nicht Sünden, ich bin Sünder, Rebell gegen Gott, bis in die Urgründe meiner Motive, Gedanken und Sehnsüchte. Ich bin’s! Es ist höchst oberflächlich von Sündenpaketen, Sündenschulden, Sündenfesseln, Sündenflecken zu reden. Es geht um mich, die Sünder-Person! Wer jetzt die Sünde entfernen  will, der muss den Sünder selbst aufheben. Wer mir meine Sünde abnehmen will, der muss mir schon mich selbst abnehmen. Der müsste an meinen Platz treten, so dass er ich und ich er würde!» (S. 18)

 «’Eingekrümmt-Sein in sich selbst’, Festhängen im Geschaffenen’, ‘Mittelpunktshaltung’, ‘Weltverfallenheit’, Gotteslästerung, - mit all dem haben wir versucht das Wort ‘der Gottlose’ (das eine Leitwort unseres Themas! Zu umschrieben.» (S. 14)   Gottlose = aktive Feind Gottes (S. 15)

 Christus = unsere Gerechtigkeit     (= Beziehungsgerechtigkeit)

 «’Die wahre christliche Theologie fängt … an … mit Christus’ (S.37).

Denn Gottes Gerechtigkeit ist nicht etwas, eine Eigenschaft, ein Vorgang, eine Tag; sie ist Jesus Christus selbst.

«Er ist uns gemacht zur Gerechtigkeit’ (1. Kor. 1,30).

‘Der im Glauben ergriffene und im Herzen wohnende Christus ist die christliche Gerechtigkeit, derentwillen Gott uns als gerecht betrachtet und das ewige Leben schenkt’ (s. 90).

Die hat Luther in seinem Galaterkommentar (1531) gewaltig bezeugt.»

 Nun sind wir «oberhalb des Gesetzes». Transmoralische Rechtfertigung führt dazu, dass die Sünde nicht mehr in der Welt ist (S. 25).

Revolutionärer Gedanke. Wo ist sie dann?

 Luther:

«Daher sind die Sünden in Wirklichkeit nicht dort, wo sie gesehen und gefühlt werden. Nach der Theologie des Paulus ist ferner keine Sünde, kein Tod, kein Fluch mehr in der Welt, sie sind in Christus, der als Lamm Gottes der Welt Sünde trägt, der zum Fluch gemacht ist, dass er uns vom Fluch befreite. Aber nach der Philosophie und der Vernunft sind Sünde, Tod etc. nirgends anders als in der Welt, im Fleisch, in den Sündern … Die wahre Theologie aber lehrt, dass ferne keine Sünde mehr in der Welt sei, weil der Vater alle Sünde auf Christus geworfen hat’ (S. 17).» (S. 25)

 Luther:

«Wo also der Glaube an Christus ist, da ist die Sünde in Wahrheit abgetan, tot und begraben, wo dieser Glaube nicht ist, bleibt die Sünde (s. 172). Sofern also Christus durch seine Gnade in den Herzen der Gläubigen regiert, ist da keine Sünde, kein Tod, kein Fluch. Wo aber Christus nicht erkannt wird, bleiben diese furchtbaren Mächte’ (S. 170).»

 Wie alles nach dem Sündenfall kann auch dies pervertiert werden: Bonhoeffer sagte dem: billige Gnade. (S. 27)

 Diese Gnadenideologie, die billige Gnade, rechtfertigt die Sünde anstelle des Sünders (sagte Bonhoeffer). Auch Paulus warnt vor dieser Perversion: Römer 6 im Kontext von 5,20 f.

 Ich glaube, nun diese Bibelstelle wirklich verstanden zu haben. Genial.

 U.a. steht dort: "Wie nun? Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne!

Wisst ihr nicht: wem ihr euch zu Knechten macht, um ihm zu gehorchen, dessen Knechte seid ihr und müsst ihm gehorsam sein, es sei der Sünde zum Tode oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit? Gott sei aber gedankt, dass ihr Knechte der Sünde gewesen seid, aber nun von Herzen gehorsam geworden der Gestalt der Lehre, der ihr ergeben seid. Denn indem ihr nun frei geworden seid von der Sünde, seid ihr Knechte geworden der Gerechtigkeit." Römer 6,15 ff).

 «Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?

So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.»

Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.

Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen

Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde.

Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, und wissen, dass Christus von den Toten erweckt , hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen.

Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für allemal; was er aber lebt, das lebt er Gott.

So auch ihr, haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.

So lasst nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, und leistet seinen Begierden keinen Gehorsam.»

(Römer 6,3 ff.)

 Das Problem besteht auf zwei Arten:

 

  1. Sind wir wirklich wiedergeboren? Oder haben wir nur verstandesmässig das Evangelium verstanden und pervertieren nun mit unsere Vernunft die Gnade zur billigen Gnade?
  2. Sind wir von Gott wiedergeboren, aber haben noch nicht erkannt, dass wir uns der Sünde versklaven können, wenn wir uns ihr ergeben?

Vor dem allem gilt: Was ist meine Motivation? Leistungsdenken (= fleischlich) oder Gnadengerechtigkeit (= geistlich). Beim ersteren kann es gar nicht anders sein, als dass er alles als Leistungsdenken ableitet. Sein «Christsein» ist ein reiner «Chnorz». Bei den Zweiten ist es mangelnde Erkenntnis. Er wird  von Satan und seinen Anfechtungen herausgefordert und weiss nicht sein Schild des Glaubens zu nutzen. Geistlich kämpfe ich nicht mit «fleischlichen» Waffen, d.h. mit meinem menschlichen Möglichkeiten, sondern ich gehe zu Christus. Denn Christus hat schon lange den Kampf gewonnen. Somit besteht der «geistliche» Kampf, indem ich mich «sportlich» täglich trainiere in Christus zu sein. Mein alter Mensch will aber lieber selber, aus eigener Kraft, aus eigener «Werthaltigkeit» usw. Christ sein. Aber in dem ich täglich Busse tue, d.h. zu Jesus gehe, werde ich barmherziger und gnädiger.

 Luther wandte sich gegen die «Antinomer», die das Gesetz ablehnten. (Was mich erstaunt. Aber natürlich völlig korrekt ist. S. 28 ff).

 Kettling schreibt dazu (S. 29):

 «Wer den lebendigen Jesus Christus hat, der wird in die Heiligung geführt – oder er hat eben Christus nicht!

 So gewiss die Rechtfertigung zunächst Gerechterklärung ist, ein Rechtsakt, ein Freispruch, der mir, dem Sünder, eine neue Geltung vor Gott schenkt, so ist sie zugleich der schöpferische Beginn einer Gerechtmachung, die mir ein neues Sein gibt.»

 Auch Kettlin gibt hier S. 29 zu: Das Neuwerden ist bruchstückhaft auf dieser Erde.

 

Luther:

 «Wir haben immer den Rückgang (‘regressus’) zu diesem Artikel frei, dass unsere Sünden bedeckt sind und dass Gott sie uns nicht anrechnen will’ (S. 92).» (S. 30)

 Kettling: «Von diesem stets neuen, von diesem bis in die Sterbestunde hinein immer wiederholten ‘Regressus’, von dieser Zuflucht zu dem ganz und gar vollendeten, dem ewig perfekten Gnadenwerk Christi leben wir. Heiligung kann darum immer nur von der Rechtfergigung Leben: Vom Berge steigen wir ins Tal, aus dem Tal aber fliehen wir immer wieder zu jener Gnadenfeste, die steil emporragt, ‘jenseits von gut und böse’.» (s. 30)

 

PS: Kleiner Nebengedanke: Wie kann hier vertreten werden, dass Jesu für die ganze Welt gestorben ist und  wir daher nur noch ja sagen müssen, wenn der Fünfpunkte Calvinismus vertritt, dass Jesus nur für die Erwählten ganz persönlich gestorben ist?  1. steht es so in der Bibel und auch für Calvin war die Bibel wichtiger als unsere menschlichen Formulierungen. Daher hat Calvin auch gewisse trinitarische Bekenntnisse nicht unterschrieben, was damals gefährlich war und missverstanden wurde: Ist Calvin ein Antitrinitarier? Von Calvin lernte ich, dass es zwar richtig ist, dass Antitrinitarier das Evangelium und seine Kraft durch Leistungsdenken ersetzen und daher ein anderes Evangelium verkündigen. ABER der Begriff Trinität kommt in der Bibel nicht vor. Also darf man auch mit anderen Worten an die Trinität glauben. Nach meiner Meinung ist das zwar für die Kommunikation nicht gerade optimal, aber wenn die Bibel Gottes Wort ist, dann ist sie auch der Massstab aller Massstäbe.

Zudem soll der Calvinismus mit der Zeit– auch im Streit mit anderen Denkschulen – Denkmethoden von Aristoteles übernommen haben. Calvin war dagegen noch misstrauisch. Ich denke, unser Verstand kann eben nicht alles fassen, was aber Aristoteles glaubte zu können. Die biblische Prädestinationslehre haben wir aber nicht unter Kontrolle und können sie nicht wirklich ganz mit dem Verstand verstehen. Das finde ich gerade beim Thema der biblischen Prädestination so faszinierend. Es treibt mich zur Anbetung Gottes! Und auch hier beim Thema Gerechtigkeit spielt es hinein:

Letztendlich gibt es Dinge, die wir mit unserem Verstand nicht erfassen können, bzw. nur bruchstückhaft erklären können. Es gibt, wie ich es J. I. Packer sagte hier eine Antinomie! Sich gegensätzlich widersprechende Aussagen/Gesetze. Gottes Allmacht und unsere Verantwortung. Packer beschreibt dies in seinem Büchlein: Prädestination und Verantwortung, Gott und Mensch in der Verkündigung.

Und diese Spannung muss man aufrecht erhalten. In der Bibel erklärt sich diese Spannung. Hier lernen wir, wie wir sie anwenden müssen. Denn nicht wir haben Gott oder sein Wort, die Bibel unter Kontrolle, sondern Gott uns sein Wort haben uns in der Hand. Daher ist es vernünftig, dass unser Verstand dies nur bruchstückhaft versteht. Vielleicht ist  es so ähnlich, wie zwischen der Spannung zwischen Mann und Frau: Beides sind Menschen und trotzdem scheinen sie manchmal von einem anderen Stern zu kommen. Aber auch hier dürfen wir die Spannung aufrechterhalten. Vermutlich ist es wie beim Strom: Er ist es sehr wichtig, dass man die Spannung aufrecht erhält oder aber der Strom kann seinen Zweck nicht mehr erfüllen.

Daher geht wohl beim Fünfpunkte Calvinismus der dritte Punkt zu weit: Jesus sei nur für die Erwählten gestorben. Allerdings, ist es im Endeffekt natürlich genauso. Nur, wer erwählt ist, wird beim Hören des Evangeliums vom Heiligen Geist wiedergeboren, d.h. befreit von der Sklaverei der Sünde und will sich bekehren. Das glaubte Luther ja auch (im Gegensatz zu vielen heutigen Lutheranern). Und dennoch konnte Luther davon reden, dass Jesus für die ganze Welt gestorben ist! Auf der anderen Seite haben die Fünfpunkte Calvinisten auch recht: Es ist eine persönliche Rechtsprechung. Jesus hatte an mich gedacht. Er übernahm wirklich meine Sünden und hat mich vor Grundlegung der Welt erwählt und geliebt! Wenn Luther lehrt, Jesus ist für die ganze Welt gestorben, so versteht auch er es nicht als Allversöhnung: Man muss dazu ein Ja haben, sonst gilt es nicht. Das klingt nun sehr arminianisch. Aber es wird nur zum Arminianismus, wenn man die Gesamtaussage der Bibel aus dem Auge verliert. Das gleiche geschieht, wenn man nur unsere Verantwortung betont und Gottes Allmacht vergisst. (Und es gehört ja auch zu unserer Verantwortung, dass wir zu Jesus gehen. Aber wir können es nicht, solange wir unter die Sünde verkauft sind und uns Gott nicht wiedergeboren hat. Verantwortung und Möglichkeit klafft hier auseinander = typische Opfersituation. Nur dass wir wirklich unsere Sünden ausleben wollen und daher nicht einfach nur Opfer sondern auch Täter sind.)

Wir müssen sicherlich auch unterscheiden  zwischen dem was Gott offenbarte und was wir erleben. Ich bekehre mich (= subjektiv). Gott offenbart in der Bibel, dass davor Gott mir eine geistliche Wiedergeburt geschenkt hat. (= objektiv). Letzteres kann ich nicht wissen, ohne dass mir das Gott in der Bibel offenbart hätte. 

 Und vermutlich liegt auch hier die Motivation in unserem Herzen zu Grunde: Will ich eine Beziehung mit Christus oder bin ich (noch) nicht vom Heiligen Geist wiedergeboren und will selber Gott sein?

 Daraus leite ich ab: Ich darf meinen Verstand wie ein Werkzeug gebrauchen. ABER er darf sich nicht verselbständigen. In Sachen Gott, unser Heil usw. bin ich auf die Offenbarung Gottes angewiesen und da muss ich mich an sein Wort und nicht an meine Logik halten. Der Begriff Beziehung hilft dabei meinem Verstand, eher in Richtung biblisches Denken zu denken: Damit ich die Begriffe Gnade, Liebe, Gerechtigkeit, Hoffnung, Treue nicht als Leistungsbegriffe verstehe, sondern als Gnadenbegriffe. Und wenn ich in den Gnadenbegriffe denke, so vermute ich, wird sogar die Leistung, d.h .die Werke, zu einem Gnadenbegriff! Und das ehrt Gott und tut uns allen gut.

 

Freitag, 7. August 2020

 Im engeren Sinn ist dieser Beitrag nicht "theologisch". Allerdings finde ich den Youtube-Beitrag sehr differenziert und eine logische Folge der Reformationszeit: Bibel = Gottes Wort erforschen + Naturwissenschaft = Gottes Schöpfung erforschen. In der Zwischenzeit (500 Jahren) haben wir das vielleicht etwas vergessen. Und natürlich gab es auch andere Bewegungen, die Wissenschaft betrieben.Aber nur eine Wissenschaft, die sich auf eine Grundlage wie jene der Reformation stützte, konnte, trotz aller Fehler, einen solche Entwicklung zu sehr viel Wissen, Wohlstand und Bildung, Gerechtigkeit  für immer mehr Menschen, usw. entwickeln. (Bei allen aktuellen Problemen: Es gab wohl noch nie soviel Wohlstand) Ich vermute, dass alles ist heute u.a. gefährdet, weil wir diese Grundlage vergessen haben. Desto mehr freut es mich, wie intelligent und differenziert Frau Mai Thi Nguyen-Kim dies angeht:

Gerade das Differenzieren kommt heute viel zu kurz. Daher ist es eine Wohltat, diesen Beitrag zu hören. 

Übrigens glaube ich als Christ an Dogmen. Dies ist eine Hoffnung auf Dinge, die ich noch nicht sehe. Und so, wie ich in der Naturwissenschaft weiss, dass es absolute Wahrheiten gibt, diese aber schwer erkennbar sind und ich mich irren kann, weil ich nicht alles erfasse, so gilt dies auch für mein Wissen über Gott und den geistlichen Bereich. Wobei ich natürlich kein rein materialistisches Weltbild vertrete. Unsere heutige westliche Welt ist sehr materialistisch. Daher versuchen wir auch, alles aus der Materie zu erklären. Bereits vor längerer Zeit hat Platon den Materialismus entlarvt. Die Atomisten seiner Zeit griffen damals schon zu kurz. Dafür muss man nicht Christ sein, um das erkennen zu können. Davon zeugt schon Platon.

Allerdings glaube ich auch nicht an den anderen Monismus: Es sei nur das geistliche Wirklichkeit, wie in der östlichen Mystik oder vermutlich auch in "unserer" Gnosis.

Auch die klassisch humanistische Sichtweise dünkt mich nicht ganz treffend, die ja auch an die Gnosis erinnert: Der Geist sei im Körper gefangen und der Tod sei die Befreiung des Geistes vom Körper. Oder nur schon der Gedanke, dass geistliche sei wertvoller als  das körperliche.

Da gefällt mir die biblische Sichtweise viel besser:

Der Mensch ist Körper und Geist. Es gehört zusammen. Leider unterliegen wir durch den Sündenfall einer gewissen Verbogenheit und pervertieren daher alles von Gott gut geschaffene und machen so unsere eigene Hölle. Aber unsere Gottähnlichkeit ist dennoch immer noch sehr beachtlich. (Auch dieses intelligente Video / Youtube-Beitrag zeugt davon.) Gott selber misst uns Menschen unveräusserliche Rechte zu. Eine Würde, die mehr ist, als sich ein Materialist erklären kann und trotzdem absolut wahr ist. Es ist wichtig, dass wir das wissen, damit wir miteinander würdevoll, d.h. in unserer von Gott gegebenen Würde leben.

Glaubens- und Meinungsfreiheit beruhen auf dem Wissen, dass wir nach absoluter Wahrheit suchen dürfen. Natürlich bringen wir es fertig, dass wir auch das pervertieren können. Daher gab es schon immer Versuche der Zensur. Aber schon John Milton machte darauf aufmerksam, dass dann die Gefahr besteht, dass man auch die Wahrheit zensurieren könnte. Dieser Puritaner hat viel für echte Pressefreiheit getan. Dies stellt einer jener Gedanken, den ich als Grundlagen aus der Reformationszeit sehe, die unsere Freiheit und Ordnung sowie Wohlstand - trotz unserer Prägung zum Unrecht - ermöglichte. 

Es gibt auch andere Prägungen: Letzthin sprachen wir mit einem Verkäufer in der Migros, der aus der ehemaligen DDR stammte. Er war der Überzeugung, dass der absolute Staat DDR mit seiner gelenkten und diktatorischen Form besser sei als die unsere. Denn in der DDR herrschte Ordnung. Wenn sie am Abend Tischtennis spielten, wurde  das von einem Polizisten überprüft. Denn man wollte nicht, dass Junge herumhängen. Es war eindrücklich und interessant. Er sah nicht, dass es ein wesentlicher Unterschied ist, wenn ihn ein Arbeitgeber entlässt und wenn der Staat ihn "entlässt". Bei einer Firma hat man immer noch die Freiheit etwas anderes zu suchen oder selber etwas anzufangen. Natürlich könnte es sein, dass man unter der Brücke schlafen muss. Aber ein absoluter Staat lässt nicht mal das mehr zu! Dieser Mann aus der DDR wählt die Unfreiheit, um mehr Sicherheit zu haben. Zugleich sieht er die Eigenverantwortung der Menschen nicht mehr und die Freude, etwas selber aufzubauen. Er kann sich nicht mal vorstellen, dass wenn der Staat nicht alles macht, es ja immer noch andere Menschen gibt, die in Freiheit, Gutes tun könnten. Und das wiederum ist nur möglich, wenn die Freiheit dazu da ist. Ja überhaupt: Wie soll jemand verantwortungsvoll Leben lernen, wenn er nicht dazu die Freiheit bekommt? Dressur und Erziehung sowie Bildung sind nicht das selbe!!!!

Letztendlich sind die Gedanken des ehemaligen DDR-Bürgers nichts Neues. Schon Aristoteles träumte davon, dass der Ideale Staat für uns alle das höchste Ideal sein soll. Leider floss dies auch in die römisch-katholische Sichtweise ein. Beim ursprünglichen Protestantismus sprach man beim Staat lieber vom Notrecht: Es braucht den Staat, Gesetze und einen gewissen Zwang, um Rechtssicherheit zu gewährleisten. Aber das alles ist nicht absolut gut. Es verhindert Schlimmeres und ermöglicht unser Zusammenleben und das Gedeihen der Gesellschaft. Der Staat kann aber nie ein Idealzustand sein. Dies kommt ja auch in der Zwei-Reiche-Lehre zum Ausdruck: Der Staat darf - bis zu einer gewissen Grenze - Gewalt anwenden. Überschreitet er aber diese Grenzen, so ist es ein Machtmissbrauch des Staates. Die zweite Gewalt die Kirche, darf keine Gewalt anwenden. Freiwilligkeit gilt hier. Denn das wirklich wichtige, kann man nicht erzwingen, sondern muss vom Geist gewirkt werden. Leider hat die westliche Kirche gegen Ende des Mittelalters selber Machtmissbrauch begannen, weil sie ihre von Gott gegebenen Grenzen überschritten hat. Sie setzte sich selber immer absoluter und vergass den Sinn der Lehre zwischen sichtbarer und unsichtbarer Kirche  zu unterscheiden (siehe Augustin). Zudem erhielt die Kirche auch weltliche Macht, die ihr nie zustand. Darum brauchte es die Reformation. Zwingli spricht sogar von menschlicher Gerechtigkeit, die im Angesicht der göttliche Gerechtigkeit nicht einmal das Wort Gerechtigkeit verdient. Nichts desto trotz, soll man sich nach der göttlichen Gerechtigkeit ausrichten. (Biblisch: Gottes Gerechtigkeit = Gottes Treue und Barmherzigkeit. Im Gegensatz zu Gottes Zorn, der das Leben beschützen will und dann doch auch eine Form der Liebe Gottes ist.) Aber der Staat kann in diesem Sinne nie gerecht oder gar liebevoll sein. Damit würden wir den Staat überfordern. In der Geschichte sehen wir, wohin es führt, wenn sich religiöse Kreise, Kirchen und ganze Staaten beginnen absolut zu verstehen: Es gibt ein Terror-Regime. Die nicht zusammen haltenden Ideen müssen mit äusserster Gewalt zusammen gehalten werden. Aber echte Reife entsteht von Innen und freiwillig!

Heute befindet sich der Protestantismus in einem Selbstauflösungsprozess. Die Säkularisierung machte aus der reformierte Theologie den Liberalismus. Marx wollte dies mit einem säkularisierten Postmillianismus weiterentwickeln. Aber das Paradies (Arbeiterparadies) bekommen wir so nicht zurück, sondern so verlieren wir uns nur in uns selber. Wir brauchen mehr, wie  schon vor 500 Jahren Zwingli bemerkte. Und es wäre gut unsere Kirchen würden diese wichtigen Grundlagen wieder deutlicher verkünden, damit wir die wahre Freiheit erhalten und nicht verlieren. Hier liegt übrigens auch der Grund, warum ich für eine liberale Gesellschaft bin, aber eine liberale, d.h. säkularisierte Kirche, als grösste Gefahr für den Liberalismus betrachte. Nur mit dem Salz der Erde, dass etwas beissen kann, werden wir glücklicher, freier, weiser, lebendiger, kreativer, wissenschaftlicher und gelassener. Interessant ist, dass man dies in der Geschichte erkennen kann.

Daneben hoffe ich natürlich auf eine Erweckung der Christen: D.h., dass wir in Christus frei werden vom Leistungsdenken. Die Gnade (= Geschenk) Gottes an uns wirken lassen, anstelle mit unseren menschlichen Möglichkeiten uns abstrampeln. Denn wer im Leistungsdenken verhaftet ist, wird sogar die Begriffe Liebe, Hoffnung und Glaube als Leistung verstehen. Aber es geht hier nicht um Qualitätsbegriffe, sondern um Beziehungsbegriffe. Glaube ist nicht Vorstellungskraft. Glaube ist keine Methode, um etwas zu erreichen. Es ist keine Zauberei oder gar Manipulation! Glaube, wie es die Bibel meint, ist auf die Versprechen von Gott zu bauen. Glaube ist zu Jesus gehen und von ihm alles erwarten. Glauben ist sich von Christus beschenken lassen. Glaube ist zu erkennen, dass selbst der Begriff Gottes Gerechtigkeit ein Beziehungsbegriff ist: Gott ist treu. Gott ist barmherzig. Er ist immer der gleiche und was er verspricht, das hält er. Gottes Zorn ist schrecklich. Aber Gott hasst den Tod und das Böse. Darum muss er uns aufschrecken aus unserer Schlaf der Selbstgerechtigkeit. Je nach Mensch macht dies Gott anders. Der Heilige Geist wird als Taube dargestellt, da Gott sehr sanft wirken kann. Letztendlich liegt unser Glück, unsere Freiheit und unsere gute Ewigkeit in Christus, der uns so geliebt hat, dass er unseren Fluch und unsere Strafe bis ans Kreuz, Tod und Gottesferne getragen hat. Gott ohne Gott, war für Jesus sicherlich schlimmer als für uns. Daher ist für uns alles gratis, d.h. alles Gnade, weil Gott selber einen sehr hohen Preis für uns bezahlt hat. Es wäre nicht nett,  dies wieder mit Leistung abverdienen zu wollen. Dies Haltung zeigt, dass wir nicht verstanden haben, wie schlimm es um uns steht und wie viel Gott für uns tut. In Christus geborgen und geboren, werden wir viel mehr Leisten und trotzdem keine Werkgerechtigkeit tun. Aber das ist nun noch ein anderes Thema, mit dem ich mich immer wieder intensiv auseinandersetze, weil es so schwer und doch so einfach ist. Aber vielleicht soviel: Wenn wir es zur Ehre Gottes tun und nicht für uns selber, ist es ein gutes Zeichen, für unsere Freiheit in Christus. Wenn wir Gutes tun, weil es gut ist und nicht, weil wir damit etwas verdienen wollen. Aber zu dieser Freiheit kommen wir erst, wenn wir uns sicher und geboren in Christus fühlen. Dabei leben wir hier in einer Zwischenzeit bis Jesus wieder kommt. D.h. alles ist unvollkommen, was wir tun. Aber da wir es Christus anvertrauen, macht er aus dem Mist guten Dünger. Daher konnte Luther sagen, dass es ein freudiges Ding ist, Busse zu tun. 

Aber das zu erklären ist schwer. Für jemand der "Leistungsdenker" ist, ist es noch schwerer, weil er glaubt mit Leistung sich wertvoll machen zu müssen. Diese Motivation selber ist eine Folge des Sündenfalls. Natürlich sollen wir Gutes tun. Aber das Problem ist nicht gelöst, wenn wir anstelle Böses zu tun, nur noch Gutes tun, weil wir wirklich Gutes im Sinne Gottes, eben nicht tun können. Darum ist das Gesetz Gottes auch ein Zuchtmeister zu Christus. Denn Christus gibt es uns umsonst, was wir nie leisten können. 

Ole Hallesby schrieb dazu:

"Besonders in unseren Tagen scheint es, als habe man vergessen, dass es keinen anderen Weg gibt, persönlich überzeugt zu werden, als diesen Weg des Sünders durch die vollständige Verzweiflung über sich selbst." (Seite 28 aus Ole Hallesby Wie ich Christ wurde.)

Aber das Ende ist das natürlich nicht: Es ist der Anfang! Um bis in alle Ewigkeit überreich beschenkt zu werden. Um aber beschenkt werden zu können, muss man das Geschenk auch annehmen können.








Samstag, 13. Juni 2020

Ezechiel (Hesekiel)

Dieses alttestamentliche Buch ist schwer zu ertragen. Es ist eine Zumutung. Es erschüttert mich, wie Gott schrecklich sein kann. Bereits unter dem Blog-Beitrag vom Freitag dem 12. Juni 2020: Schekinah und Gottes Zorn (Ezechiel oder auch Hesekiel) gab ich das zum Ausdruck und fragte mich, wann ist die Gnade Gottes in diesem Buch zu sehen? Tatsächlich geht das Grauen weiter. In Ezechiel 16,49 wird nun das Volk Gottes sogar mit Sodom verglichen. Erstaunlicherweise wird aber damit nicht Sünden mit einem sexuellen Hintergrund angeklagt (wie es viele Bibelleser erwarten würden), sondern Materialismus und die Vernachlässigung der Armen und Bedürftigen! Auch Jesus bringt eine ähnliche Kritik in Kapernaum (Matthäus 11,23 ff):

"Und du, Kapernaum, die du bis zum Himmel erhöht worden bist, du wirst bis zum Totenreich hinabgeworfen werden! Denn wenn in Sodom die Wundertaten geschehen wären, die bei dir geschehen sind, es würde noch heutzutage stehen. Doch ich sage euch: Es wird dem Land Sodom erträglicher gehen am Tag des Gerichts als dir!" (Mt. 11,23+24)

Gott beauftragt Ezechiel nicht nur eine Ortschaft wie Kapernaum, sondern die ganze Kirche seiner Zeit anzuklagen, wenn er in Ezechiel 16,49 ff schreibt:

"Siehe, das war die Sünde deiner Schwester Sodom: Hofart, Sattheit und sorglose Ruhe ward ihr und ihren Töchtern zuteil; aber dem Armen und Dürftigen reichten sie nie die Hand, sondern sie waren stolz und verübten Greuel vor mir; deswegen verwarf ich sie auch, als ich es sah. Auch Samaria hat nicht halb so viel gesündigt wie du; sondern du hast viel mehr Greuel verübt als sie, so dass du deine Schwestern gerecht erscheinen liessest durch alle deine Greuel, welche du begangen hast!"

Es ist also möglich, dass die Kirche schlimmer sündigen kann als die Welt!

Aber hier flackert nun auch im Buch Ezechiel etwas von Gnade auf:

"Ich will aber ihre Gefangenschaft wenden, die Gefangenschaft Sodoms und ihrer Töchter und die Gefangenschaft Samarias und ihrer Töchter; auch deine Gefangenschaft in ihrer Mitte will ich wenden, damit du deine Schande tragest und dich alles dessen schämest, was du getan hast, wodurch du ihnen zum Troste dientest." (Ezechiel 16,53)

Überhaupt gibt es Lichtblicke der Gnade im Buch Ezechiel. Hier einige Beispiele:

"Tötet, vernichtet Greise, Jünglinge und Jungfrauen, Kinder und Frauen! Von denen aber, die das Zeichen tragen, rühret niemand an! Fanget aber bei meinem Heiligtum an! Da fingen sie bei den Ältesten an, die vor dem Tempel waren." (Ezechiel 9,6)

Dieses Gericht Gottes beginnt bei den Ältesten, also den Leitern der Gemeinde Gottes! Gott selber befielt Grauen. Schrecklich. Aber in diesem Schrecken sehen wir auch Gnade! Da gibt es Menschen, die tragen ein Zeichen, die vor diesem Gericht verschont werden. Was ist das für ein Zeichen, dass uns rettet? Es handelt sich um den letzten Buchstaben des hebräischen Alphabets, das Taw: ת))" Zur Zeit Ezechiels wurde das 'Taw' wie das lateinische 'X'  geschrieben. Frühe christliche Exegeten sahen in diesem diagonalen Kreuz eine Vorwegnahme des Kreuzes Christi." schreibt die Genfer Studienbibel Seite 1289.
Es erinnert uns auch an 2. Mose 12,21-23: Das Passamahl. Hier strichen die auf Gott Vertrauenden Blut des Opferlammes an die Oberschwelle und zwei Türpfosten ihres Hauses und blieben hinter diesem Schutz. Dieses dieses Zeichen (das ebenfalls beinahe ein Kreuzzeichen ist), der Ausdruck ihres Glaubens, rettete sie vor dem Unglück und der Strafe Gottes. Und es ist zugleich ein Vorabbild des Opfers, dass Jesus Christus als Opferlamm am Kreuz für uns gebracht hat. Wir gedenken und schmecken dieser Güte Gottes, indem wir heute das Abendmahl feiern. 

14,14: "und es wären die drei Männer Noah, Daniel und Hiob darin, so würden diese durch ihre Gerechtigkeit nur ihre eigene Seele erretten, spricht Gott der HERR."

Dieses Gerichtswort Gottes beinhaltet auch Gnade: Es gibt Gerechte, die Gott verschonen wird. Nun bedeutet gerecht sein in der Bibel immer aus Gnade gerecht sein, d.h. es ist ein Geschenk Gottes, wenn man gerecht ist und in der Gerechtigkeit wandelt. Die Genfer Studienbibel weist darauf hin, dass mit Daniel vermutlich nicht der jüdische Daniel gemeint ist, dessen Leben im Buch Daniel abgebildet wird, sondern ein anderer Daniel. Denn Daniel des Buches Daniels wird als Daniyye'l geschrieben, während dieser Daniel als Dani'el geschrieben wird. Daraus folgern sie: "Es ist wahrscheinlicher, dass dieser Daniel mit einer Heldenfigur gleichzusetzen ist, die in einem alten ugaritischen Text erwähnt wird. Dieser Text handelt von einem König namens Dan'el, der im Umkreis für seine Gerechtigkeit, seine Weisheit (vgl. 28,3) und  Barmherzigkeit bekannt war. 'Noah, Daniel und Hiob' würden dann nicht-israelitische Personen aus ferner Zeit darstellen, die für ihre Gerechtigkeit bekannt waren. Sie könnten die Welt in ihren Tagen nicht retten und könnten sogar gemeinsam die Stadt Jerusalem nicht retten (vgl. V. 20)."
Soweit der Aspekt des Gerichts. ABER obwohl Noah in seiner Zeit die Welt nicht retten konnte, so konnte er sich und seine Familie retten! Sie erlebten in ihrem Glauben an Gott Gnade. Bei Hiob ist es so, dass er seine Familie nicht retten konnte. Hiob 1,1 war untadelig und gerecht und konnte seine Familie nicht retten. (Seine Frau allerdings starb nicht. Aber das Unglück traf seine Kinder. Allerdings ist der physische Tod nicht das  Ende. Aber es geht hier natürlich um einen Vergleich:) Diese nicht-israelitische Männer hätten auch das Strafgericht Gottes an der Kirche nicht abwenden können.

Noch deutlicher wird die Gnade Gottes in Ezechiel 16,60
"Aber ich will meines Bundes gedenken, welchen ich mit dir in den Tagen deiner Jugend geschlossen habe, und ich will einen ewigen Bund mit dir aufrichten."
Die Kirche soll erfahren, dass Gott der Herr ist und sich schämen: "damit du daran denkest und dich schämest und vor Scham den Mund nicht auftun dürfest, wenn ich dir alles verzeihe, was du getan hast, spricht Gott, der HERR." (16,63)

Aus Gnade errettet zu werden, ist nie ein Grund auf sich selber stolz zu sein! 

Wenn ein Kind Gottes sich über die Welt erhöht, hat er die Gnade Gottes noch nicht verstanden, durch die er Kind Gottes sein darf. Zudem deutet jede Erhöhung über andere Menschen auf ein eigenes Minderwertigkeitsgefühl, dass man damit kompensieren will. Er ruht also noch nicht ganz in der Liebe Gottes und ist irgendwo noch im Leistungsdenken  gefangen (die er selber nicht erfüllen kann).

In Ezechiel 33 wird das Thema des Wächteramtes des Propheten umschrieben. Hier bezeugt Gott selber:

"So wahr ich lebe, spricht Gott, der HERR, ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daran, dass der Gottlose sich abwende von seinem Wege und lebe!
Wendet euch ab, wendet euch ab von euren bösen Wegen!
Warum wollt ihr sterben, Haus Israel?"  (Ezechiel 33,11)

Danach erklärt Gott, dass auch Gerechte, die sündigen, nicht gerettet werden. ABER der Gottlose wird gerettet, wenn er sich von seinem gottlosen Wesen abwendet (33,12). Hier beschreibt Gott, wie ein Herz angerührt wird, wenn er zu Gott geht. Er versucht das Unrecht wieder gut zu machen:

"Und wenn ich zum Gottlosen sage: 'Du sollst sterben!' und er wendet sich ab von seiner Sünde und tut, was recht und billig ist, also dass der Gottlose das Pfand wiedergibt, den Raub zurückerstattet und in den Satzungen des Lebens wandelt, also dass er kein Unrecht tut, so soll er gewiss leben und nicht sterben. Auch soll ihm aller seiner Sünden, die er getan hat, nimmermehr gedacht werden; er hat getan, was recht und billig ist, er soll gewiss leben!" (Ezechiel 33,14-16)

Aber was sagt die damalige Kirche dazu?

"Der Weg des Herrn ist nicht richtig!" (33,17b)

Manchmal kann die Kirche wirklich dumm sein. Sie will die Gnade nicht, sondern das Unglück. Gott wiederholt danach sein Prinzip. Da die Kirche das aber nicht will, nimmt er sie auch ernst und sagt:

"Da ihr aber sagt: 'Der Weg des Herrn ist nicht richtig'? so will ich einen jeden von euch nach seinen Wegen richten, Haus Israel!" (Ezechiel 33,20)

Wer die Gnade nicht will, steht unter dem Gesetz und  dessen Flüche! Ich habe gehört, das Gericht beginne immer zuerst beim Volk Gottes. Wir sind das Salz der Erde und wenn wir nicht mehr Salz sind, beginnt das Gericht bei uns! 

Darum sollten wir uns der Gnade Gottes hinwenden, die in Jesus Christus überdeutlich zu Tage kommt: Gott selber trägt unsere Sünde, damit wir sie nicht tragen müssen. Und damit wir bis in alle Ewigkeit in der Liebe Gottes leben dürfen. In dieser Zwischenzeit ist das noch nicht ganz so einfach, aber Gott hilft uns.

In Kapitel 34 geht das Buch Ezechiel auf die schlechten und guten Hirten ein. Für jeden christlichen Leiter ein MUSS zu lesen. Und für jeden, der schon schlechte Leiter erlebt hat, ist es ein Trost. Aber auch für Verantwortliche, die sich ihrer Mankos bewusst werden, dürfen hier Gnade Gottes erkennen, wenn sie ihren Stolz überwinden.

Hier sieht man auch, wie sich das Gericht Gottes und  seine Gnade treffen. Ein Beispiel:

"Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
(34,2b)

"Das Schwache stärket ihr nicht, das Kranke heilet ihr nicht, das verwundete verbindet ihr nicht, das Verscheuchte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene suchet ihr nicht, sondern streng und hart herrschet ihr über sie! Und so haben sie sich zerstreut, weil sie ohne Hirten waren, und sind allen wilden Tieren des  Feldes zur Speise geworden und haben sich zerstreut." (34,4-5)

"So spricht Gott, der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Schafe von ihren Händen fordern und will ihrem Schafeweiden ein Ende machen, und die Hirten sollen hinfort auch sich selbst nicht mehr weiden; denn ich will meine Schafe aus ihrem Maul erretten, dass sie hinfort nicht ihre Speise sein sollen.
Denn also spricht Gott, der HERR: Siehe, ich selbst will meinen Schafen nachforschen und sie suchen!" (34,10-11) 
Nun beschreibt Gott, wie er sein Volk gut weiden will. Und das gilt sicherlich auch für jene Hirten, die zu Gott umkehren, auch wenn sie nun eventuell nicht mehr Hirten sein dürfen. 

"Ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken, der sie weiden soll, nämlich meinen Knecht David; der soll sie weiden, und der soll ihr Hirte sein." (34,23)

Hier wird Gott sehr konkret. Und doch ist es nicht einfach zu verstehen. Denn David ist zu jener Zeit schon lange beim Herrn. Keiner der Nachfolger von König David erfüllte diese Prophezeiung. Ausser einem: Jesus Christus. Jesus Christus ist DER gute Hirte und in ihm erfüllt sich diese Prophezeiung. Sie ist sogar so gross, dass wir Heiden (= Nicht-Juden) zu Jesus Christus gehen dürfen, damit er unser Hirte wird. So gross ist die Gnade Gottes, sogar gegen uns Heiden!

In Kapitel 36 wird die Wiederherstellung Israels versprochen. 

Und 37 empfinde ich einen Höhepunkt der Gnade Gottes. Es ist zugleich auch sehr "unkonventionell):

"Die Hand des Herrn kam über mich und führte mich im Geiste des Herrn hinaus und liess mich nieder mitten auf der Ebene, und diese war voller Totengebeine.
Er führte mich an derselben vorüber ringsherum; und siehe, der Gebeine waren sehr viele auf der Ebene; und siehe, sie waren sehr dürr.
Da sprach er zu mir: Menschensohn, können diese Gebeine wieder lebendig werden? 
Ich antwortete: O Herr, HERR, du weisst es!
Da sprach er zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen:

Ihr verdorrten Gebeine, hört das Wort des HERRN!

So spricht Gott, der HERR, zu diesen Gebeinen: Seht, ich will einen Geist in euch kommen lassen, dass ihr lebendig werdet!" (37,1-5)

Hier darf ein Mensch (in der Form des Weissagen) - im Gehorsam Gottes - zu neuem Leben aufrufen. Ja noch mehr: Er  erinnert uns, an die Worte Gottes, die unsere Welt aus dem Nichts geschaffen hat. Auf dieselbe Weise schafft Gott aus einer toten Kirche eine neue lebendige Kirche. Das ist Erweckung! Tote Gebeine werden zu erfüllten Leben! In der Bibel waren die Begriffe Tot und Leben schon immer auch Qualitätsbegriffe. Man kann Leben und doch tot sein - und auch umgekehrt.

Auch in diesem Kapitel ist wieder vom guten Hirten David die Rede, die letztendlich nur Jesus Christus erfüllt.

Gebet:
Lieber Heiland
Bitte schenke noch einmal Deine Gnade, dass wir alle alles von Dir erwarten und nicht von unseren Möglichkeiten. Hilf uns, dass wir erkennen, dass jede positive Veränderung zuerst bei uns beginnt und nicht bei den anderen. Hilf, dass wir unsere Mankos, Fehler und Sünden erkennen, damit wir sie Dir bringen. Du bist dafür gestorben und hilf uns mit Deiner Auferstehungskraft jeden Tag zu leben. Erwecke uns, wie diese toten Knochen, die regungslos umherlagen. Gib uns Freude und Frieden ins Herzen in allem. Gib uns das Bewusstsein Deiner Gaben, damit wir uns freuen! Gib uns Ausdauer und mache aus unserem Mist guten Dünger für die Welt!
Lieber Heiland komme in uns wohnen. Du sollst unser gute Hirte und Herr sein. So wird aus dem gerechten Gott unser liebevoller Vater! Danke lieber Vater! Danke Jesus Christus und danke Heiliger Geist für Euer wirken in mir. Wohnt in mir.

Amen









Freitag, 12. Juni 2020

Schekinah und Gottes Zorn (Ezechiel oder auch Hesekiel)

Ich habe bis zu Kapitel 8 des Buches Ezechiel gelesen und bin erschüttert.

"Da sprach er zu mir: Hast du das gesehen, Menschensohn? Ist es dem Hause Juda zu gering, die Greuel zu tun, welche sie hier verüben, dass sie auch das Land mit Frevel erfüllen und mich immer wieder zum Zorn reizen? Und siehe, sie halten grüne Zweige an ihre Nase!
So will denn auch ich in meinem grimmigen Zorn handeln; mein Auge soll ihrer nicht schonen, und ich will mich ihrer nicht erbarmen; und wenn sie mir gleich mit lauter Stimme in die Ohren schreien, so werde ich sie doch nicht erhören." (Ezechiel 9,17+18)

Schrecklich. Davor las ich sogar von Kannibalismus. Schon Mose warnte vor einem solchen schlimmen Gericht für die Kirche, wenn sie untreu wird und sich der Ungerechtigkeit hingibt. In Kapitel 9 deckt nun Gott die heimlichen Sünden des Volkes Gottes auf.

Wo ist hier die Gnade Gottes? Lieber Vater, wie ist das möglich? Schrecken. 

Versuchen wir das einzuordnen. Zuerst einen Überblick über das Buch Ezechiel (oder Hesekiel):

Über Ezechiel selber wissen wir nicht viel. Er gehörte zu den Priestern des alten Bundes. Normalerweise wurde dieses Amt im Bund des Sinais mit 30 Jahren auch voll ausgeübt. Das konnte Ezechiel nicht, da er zu den ersten Deportierten aus Juda gehörte und damals noch unter 30 Jahre alt war. Dadurch war es ihm unmöglich den priesterlichen Dienst im Tempel von Jerusalem auszuüben: Dieser Tempel in Jerusalem war 1'200 km von Babylon entfernt. Ezechiel wurde 597 vor Christus durch König Nebukadnezar mit König Jojachin uns seiner königlichen Familie und den führenden Bürger und Handwerker nach Babylon gezwungen. 

Seine Frau starb 586 vor Christus. Das war kurz bevor Babylon Jerusalem zerstörte.

Hierzu die Genfer Studienbibel:

"Wenn der Prophet, als er mit seinem prophetischen Dienst begann (1,1), 30 Jahre alt war und dieses Datum dem fünften Jahr des Exils von Jojachin entspricht (1,2 f.), dann war Ezechiel ungefähr 26 Jahre alt, als er in die Gefangenschaft geführt wurde. Das späteste Datum, das in dem Buch angegeben wird (26. April 571 v. Chr.; 29,17), zeigt, dass sein Dienst sich über mindestens 23 Jahre erstreckte, bis er ungefähr 50 Jahre alt war. Die Umstände seines Todes sind unbekannt."

"Ezechiel" bedeutet: "Gott stärkt" oder "Gott macht hart". 

Ezechiel prophezeit nicht nur Schlimmes, er erlebte auch einen grossen Teil des Niedergangs und Falls des assyrischen Reiches. Er sieht wie an deren Stelle das babylonische Reich unter König Nebukadnezar zur beherrschenden Macht wird. Babylonier und Chaldäer werden von der Bibel als austauschbare Begriffe verwendet. Babylon setzt sich dabei auch gegen Aegypten durch, auf das sich Juda verlassen hatte.

Das Buch kann man in drei Abschnitte aufteilen:

1. Abschnitt: Gericht über Juda und Jerusalem (1 bis 24) (Ich mit Kapitel 8 mitten in diesem schlimmen Gericht)

2. Abschnitt: Gericht über fremde Völker (25 bis 32)

3. Abschnitt: Segen für Juda und Jerusalem (33 bis 48)

Im Jul 593 vor Christus wird Ezechiel von Gott zum Propheten berufen. Ezechiel erlebte eine Theophanie, d.h. eine Erscheinung Gottes, die extrem erstaunlich war. In Ezechiel Kapitel 10 wird diese Erscheinung als Cherubim angesprochen. Die Herrlichkeit Gottes verwirrt mich. Sie wird oft Schekinah oder die Herrlichkeit der Schekinah genannt. Gott ist herrlich. Mir scheint aber auch: Gott ist nicht fassbar. Laut Genfer Studienbibel ist das Ziel Gottes seine Herrlichkeit. Aber wir können dies schnell missverstehen, denn wir vergessen oft, dass es dabei auch um die Göttliche Liebe geht. 

Wer kann dies begreifen? Hier nur ein Beispiel:

"Wo der Geist hingehen wollte, da gingen sie hin, wohin der Geist zu gehen willens war, und die Räder erhoben sich im Verein mit ihnen; denn der Geist des lebendigen Wesens war in den Rädern.
Wenn jene gingen, so gingen auch sie, und wenn jene stillstanden, standen auch sie still, und wenn jene sich von der Erde erhoben, so erhoben sich auch diese Räder vereint mit ihnen; denn der Geist des lebendigen Wesens war in den Rädern.
Und über den Häuptern des lebendigen Wesens war etwas dem Himmelsgewölbe gleich, wie der Anblick eines leuchtenden Kristalls, ausgebreitet oben über ihren Häuptern.
Und unter dem Himmelsgewölbe waren ihre Flügel ausgestreckt, einer zum andern hin; ein jedes hatte zwei Flügel, womit sie ihre Leiber auf der einen Seite, und zwei, womit sie sie auf der anderen Seite bedeckten.
Und ich hörte das Rauchen ihrer Flügel wie das Rauschen grosser Wasser und wie die Stimme des Allmächtigen. Wenn sie gingen, ..." (Ezechiel 1, 20 bis 24a)

oder

"Und über dem Himmelsgewölbe, das über ihren Häuptern war, sah es aus wie ein Saphirstein, wie die Gestalt eines Thrones. Auf dem Gebilde des Thrones aber sass eine Gestalt, anzusehen wie ein Mensch, oben darauf.
Ich sah auch wie den Schimmer von Golderz, wie das Aussehen eines Feuers inwendig ringsum; von der Gestalt seiner Lenden nach oben hin und von der Gestalt seiner Lenden nach unten hin sah ich wie die Gestalt des Feuers, und ein Glanz war rings um ihn her.
Wie der Bogen aussieht, der an einem Regentag in den Wolken erscheint, also war auch der Glanz ringsum anzusehen. So war das Aussehen der Erscheinung der Herrlichkeit des HERRN. Als ich sie sah, fiel ich auf mein Angesicht und hörte eine Stimme reden."  (Ezechiel 1,26 bis 28)

Hier wird auch der Auftrag von Ezechiel umschrieben. Zuerst ist es noch eine Botschaft der Warnung:

"Und du sollst hingehen zu den Gefangen, zu den Kindern deines Volkes, und sollst mit ihnen reden und zu ihnen sagen: So spricht Gott, der HERR! - sie mögen hören oder es bleiben lassen."    (Ezechiel 3,11)

Hilft das weiter? Wie kann Gott so wütend auf sein Volk sein, dass er es so straffen muss? 

Das Gesetz ist gut. Aber wir Menschen, die in Sünde gefallen sind, können es nicht erfüllen. Im Gegenteil: Paulus schreibt im Römerbrief: Das gute Gesetz Gottes reizt uns sogar zu noch mehr Sünde (s. Römer 7,7 bis 13).

"So ist nun das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut.
Hat nun das Gute mir den Tod gebracht? Das sei ferne! Sondern die Sünde hat, damit sie als Sünde offenbar werde, durch das Gute meinen Tod bewirkt, damit die Sünde überaus sündig würde durch das Gebot." (Römer 7,12 + 13)

In diesem Sinne treibt und das Gesetz auch zu Jesus Christus! Er ist die Lösung dieses Problems! 

"Ich elender Mensch! Wer wir mich erlösen von diesem Todesleib?
Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! So diene nun ich selbst mit der Gesinnung dem Gesetz Gottes, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde." (Römer 7,24 und 25)    

Also sogar als Wiedergeborener ist der alte Adam immer noch da (wie es Luther sagte: Er kann den alten Adam nicht ersäufen: Er kann schwimmen.). 

Paulus umschreibt es so (besser ist es natürlich die ganzen Kapitel zu lesen):

"Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Denn was dem Gesetz unmöglich war - weil es durch das Fleisch kraftlos war -, das tat Gott , indem er seinen Sohn sandte in der Ähnlichkeit des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und die Sünde im Fleisch verdammte, damit die vom Gesetz geforderte Gerechtigkeit in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist."      (Römer 8,2 bis 4)

Das Fleisch, d.h. unsere menschlichen Möglichkeiten, können das Gesetz Gottes nicht erfüllen. Das konnte nur Jesus Christus, weil er Gott ist und nicht unter die Sünde verkauft, d.h. nicht unter der Erbsünde steht. Oder anders gesagt: Gott selber erfüllt die Bundeserfüllung, indem er den Fluch (die Strafe) für unseren Bundesbruch gegenüber Gott auf sich nimmt. Das Grandiose ist nun: Dass diese Gnade nicht nur für Israel/Juda gilt, sondern auch für uns Nicht-Juden! 

Und dieser Geist ist ein Geist der Freiheit und nicht der Knechtschaft! (Römer 8,15). Es ist schwer dies zu erklären, weil ich es selber kaum fassen kann. Bis Jesus zum zweiten Mal wiederkommt, besteht noch ein geistlicher Kampf in uns. Christus hat diesen schon lange für uns gewonnen und darum haben wir in Christus auch alles. Bedingungen ist aber für uns Wiedergeborenen: Das wir nicht nach dem Fleisch, d.h. nach unseren menschlichen Möglichkeiten (d.h. auch: nicht im Leistungsdenken), sondern im Geist, d.h. in Christus, in der Gnade, im Geschenk von Jesus Christus leben!

"Wenn aber der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird derselbe, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt." (Römer 8,11)

In Christus wirkt die Auferstehungskraft von Jesus Christus!

Noch hoffen wir darauf und sehen es noch nicht. (Römer 8,24 bis 25)
"Ebenso  kommt aber auch der Geist unseren Schwachheiten zu Hilfe,. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; aber der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern.
Der aber die Herzen erforscht, weiss, was der Sinn des Geistes ist; denn er tritt für die Heiligen so ein, wie es Gott angemessen ist." (Römer 8,26 bis 27)

Gebet:
Lieber Heiland: Es ist so erschreckend, wie Du mit Deinem Volk, Deiner Kirche handeln musstest. In Dir Jesus Christus sehen wir die Gnade, die Barmherzigkeit und Liebe der Dreieinigkeit. Im Buch Ezechiel sehen wir, wie gerecht und heilig Dein Zorn ist. Wecke uns damit auf, dass wir sehen, dass es kein Kinderspiel mit der Sünde ist, sondern eine ewig tödliche Gefahr, die unser ewiges Unglück will. 
Lieber Heiland, gib jedem, der Dich noch nicht kennt, Deinen Geist, damit er innerlich neu werden darf und zu Dir Jesus Christus will, damit er bis in alle Ewigkeit glücklich in der Perichorese, der Liebe der Dreieinigkeit wird.
Hilf Ihnen und mir und uns allen, dass wir uns treu auf Dich verlassen. Denn bei Dir kommt alles gut. Täglich kommen wir als Sünder zu Dir, Jesus Christus und Du macht aus allem Unvollkommenen: schlechte wie gute Werke, etwas ewig Heiliges. Danke für diese Wunder! Danke für Deine Liebe zu mir, die ich nicht verdient habe. Danke hast Du mich geliebt und erwählt vor aller Zeit, vor Erschaffung der Welt. Und danke wirst Du mir auch die Kraft geben, dass ich bei Dir bleiben will. In Dir sind wir sicher, auch wenn die Welt um uns toben sollte. In Dir komme ich zur Ruhe, weil das Leistungsdenken obsolet wird. Und weil Du alles gut machst, lieber Heiland.

Amen.

Montag, 8. Juni 2020

Menschen der Reformation


André Gujer: Menschen der Reformation

Dieses Buch macht mir besonders Freude, da ich es selber geschrieben habe. Es erschien im Eigenverlag und wird auch vom Betanien-Verlag vertrieben: 
https://www.cbuch.de/gujer-menschen-der-reformation.html

Man findet Biografien der bedeutendsten Personen der Reformation - in einem Band!

Diese finden sich in ihren eigenen Kapiteln, aber auch zum Teil nach Kantonen und Ländern verteilt. Zudem gibt es eine kurze Zusammenfassung des Christentums bis zur Reformation, damit man das Geschehen im geschichtlichen Zusammenhang besser einreihen kann. Dies hilft gleichzeitig auch das Christentum besser zu verstehen. Als Ergänzung findet man eine Übersicht der Reformation und ihre Auswirkungen auf Demokratie, Wissenschaft und Moderne. Es wird auch die Frage gestellt, wie es in der Postmoderne mit dem Christentum weitergehen wird und was geschehen wird, wenn wir den Einfluss der Reformation verlieren sollten.  

Daher schreibe ich auf der Rückseite des Buches:


"Post tenebras Lux

„Nach der Dunkelheit Licht!“, war der Wahlspruch der Reformation. Darum trägt bis heute die Republik
Genf in ihrem Siegel diesen Wahlspruch in Latein: Post tenebras Lux. Martin Luther hat mit der Abfassung
seiner 95 Thesen am 31. Oktober 2017 die Reformation ausgelöst. Diese Entwicklung war selbst für
Martin Luther überraschend. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen an dieser Reformation beteiligt waren
und wie eine positive Veränderung aller Lebensbereiche angestossen wurde: Religion, Schulwesen,
Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft, unveräusserliche Menschenrechte, Politik, Kunst usw.
Daher können wir mit der Geschichte der Reformation auch folgenden Fragen nachgehen:
Wie schaffen wir mehr Gerechtigkeit auf dieser Welt?
Wie ist es möglich, dass wir ein Umfeld schaffen, dass eine grosse Erweckung zulässt?
Warum konnte die Reformation solche Veränderungen auslösen und einen Prozess in Gang bringen,
der die Gesellschaft nachhaltig und über Jahrhunderte positiv beeinflusste?
Warum löste die Reformation so viel Streit aus?
Wie kann eine christliche Gesellschaft in ihrer Unvollkommenheit und im Widerspruch zu ihren Idealen
funktionieren?
Warum ist die heutige Zeit so, wie sie ist?
Warum nimmt unser jüdisch-christliches Erbe im Westen von Jahr zu Jahr ab?
Wie schaffen wir Freiheit und Ordnung?
Wie kann aus der entstandenen Vielfalt so viel Freiheit und Ordnung in Vielfalt entstehen?
Wie können wir unsere Demokratie stärken?
Wie können wir innovativ, frei und in gesunden Grenzen unsere Wirtschaft, die Kunst, das Denken,
die Wissenschaft, die Politik und das Leben gestalten?
Martin Luther war ein Genie, der tiefe geistliche Wahrheiten in markigen Sprüchen zusammenfassen
konnte. Er war so prägnant biblisch, dass der Westen nicht mehr das war, was er vor ihm war.
Nach Luther gab es die Öffentlichkeit. Seine Predigten, Bücher und Lieder hallten durch das alte christliche
Abendland und befreite viele vom dunklen Aberglauben, in den sich das Christentum verirrt hatte.
1521 übersetzte Luther innert nur elf Wochen das Neue Testament auf Deutsch. Ein Meisterwerk der Bibelübersetzung,
das von nun an die deutsche Sprache prägen sollte. Seine Lieder waren Strassenfeger*,
die heute noch tief bewegen können. Seine Kreuzestheologie ist geniale Bibelauslegung.
Huldrych Zwingli war von Luthers Genie begeistert. Er sprach vom „weidlichen, fürtretenden Knecht
Christi, ein trefflicher Streiter Gottes, ein Herkules und David.“ während Luther in Zwingli wohl eher
einen Irrlehrer sah. Später wollte Johannes Calvin diese zwei reformatorischen Strömungen zusammenführen,
was ihm leider misslang.
Die Reformationszeit war leider keine Zeit des Himmels auf Erden. Das Aufwachen der Christenheit führte
zu vielen Reibungspunkten, zwischen Lutheranern, Reformierten, Täufern und Römisch-Katholischen
sowie auch nichtchristlichen Strömungen. Licht und Dunkelheit ging durch die Herzen und man muss
sich fragen, wie sich Christen so verhärten können. Selbst beim älteren Luther merkt man eine Enttäuschung
und eine gewisse Verbitterung über all das nicht Erreichte.
Wir werden Antworten finden.
Eines sei schon hier gesagt: Es war ein langer und schwerer Weg zu so viel Freiheit und Ordnung, wie es
der Westen (noch) kennt. Und es ist nicht selbstverständlich, dass dies so bleiben wird. Auch darum ist es
wichtig, sich mit der Reformation zu beschäftigen.
Am Anfang bietet der kurze Überblick über das Christentum eine Einführung über die Entstehung und
Entwicklungen des Christentums bis zur Reformation. Mit den Informationen nach der Reformationszeit
kann man damit die Reformation in einen grösseren geschichtlichen Rahmen einordnen.
Gerne bin ich auch bereit, Kritik entgegenzunehmen. Für Verbesserungsvorschläge bin ich dankbar.

* Wären es Filme gewesen, könnte man von Blockbustern sprechen."

Dankbarkeit

„Das Leben anzupacken bedeutet immer zuerst Reflexion über Gutes, das in meinem Leben ist. Dankbarkeit ist der Wächter am Tor der Seele gegen die Kräfte der Zerstörung.“

von Gabriel Marcel

Ein starker Satz eines Philosophen.

Dies erinnert mich an das Prinzip: Dass es unsere edelste Bestimmung ist, Gott bis in alle Ewigkeit zu geniessen (1. Frage im grossen Westminster Katechismus, s. Anhang). In Christus haben wir allen Grund  dankbar zu sein. Schwieriger wird es dann natürlich, wenn uns Gott an einen Punkt führt, wo wir nichts mehr Positives sehen können. Da hört jede positive philosophische Haltung auf. Die Bibel aber nimmt auch diese Situation auf. Zum Beispiel in gewissen Psalmen. Oder heute las ich in den Klageliedern über einen totalen Zerbruch (von Juda und Jerusalem durch die Babylonier.). Heute gibt es Menschen, welche von einem  Tag auf den anderen erfahren, dass sie Krebs haben. Ich kenne eine Mutter, die um ihre Tochter bangt, weil sie von Islamisten entführt wurde. Und es gibt noch schlimmere Schläge im Leben, die einem aus der Bahn werfen können. Es gibt definitiv auch solch grosse Traumas, indem man nichts Positives mehr sehen kann und es daher unmöglich erscheint, dankbar zu sein. Dann ist man wirklich scheinbar am Ende. Auch nach Gabriel Marcel ist man - laut dem oben zitierten Satz - dann wirklich am Ende, da man sich völlig den Kräften der Zerstörung ausgeliefert fühlt. Wer aber zu Jesus geht, bzw. bei Jesus bleibt, darf früher oder später Tröstung erfahren. Die Trauerarbeit braucht auch dann Zeit. So war es auch bei den Menschen von Juda und Jerusalem zur Zeit der Wegführung nach Babylon. Gott kann aus dem Schlimmsten etwas ewig Gutes machen. Das ist ja auch der eigentliche Sinn der Busse: Ich bringe meinen Mist zu Jesus Christus und er macht daraus ewig guten Dünger. (um in einem Bild zu sprechen).
Dabei stehen wir auch immer vor der Wahl, ob wir durch das Erlebte verbittern wollen oder barmherziger werden wollen. In der Trauer selber gibt es Momente, wo dies nicht beantwortet werden kann. Beispielweise musste ein Hiob im Buch Hiob mehrere Schläge aushalten. Auch am Ende des Buches wird nicht wirklich erklärt, warum er soviel erleiden musste und doch sieht man im Gesamtzusammenhang eine Reifung und Wendung, die ohne diese Herausforderung nicht möglich gewesen wäre. Aber dies alles ist einfach zu sagen, wenn man nicht in solch grossem Unglück steht. Daher hoffe ich, dass jeder, der das list (mich inklusive), sich an Jesus Christus festhalten kann und dann zu gegebener Zeit auch die Barmherzigkeit wählen kann. Dann gibt es auch früher der später den Raum für Dankbarkeit, weil wir dann auch wirklich "be-greifen", für was wir dankbar sein dürfen. Und dann gilt der Satz von Herrn Gabriel Marcel doch wieder: Dankbarkeit tut uns gut.

Es ist etwas sehr Erstaunliches, wie unterschiedlich Menschen mit Leid umgehen. Es gibt sehr verbitterte, aber auch sehr grossherzige und barmherzige Menschen, die viel Leid ertragen mussten.

Anhang:

1. Frage (grosser Westminster Katechismus):

Was ist die vornehmste und höchste Bestimmung de Menschen?

Antwort:

Die vornehmste und höchste Bestimmung des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und ihn vollkommen zu geniessen in alle Ewigkeit.

Die zweite Frage ist auch interessant:

2. Frage: Woraus geht hervor, dass es einen Gott gibt?

Antwort:

Das eigene Licht der Natur im Menschen und die Werke Gottes zeigen deutlich, dass es einen Gott gibt. ABER allein sein Wort und Geist offenbaren IHN hinlänglich UND wirksam den Menschen ZUR Seligkeit.

3. Frage: Was ist das Wort Gottes?

Antwort:

Die heilige Schrift Alten und Neuen Testaments ist das Wort Gottes, die alleinige Richtschnur für den Glauben und Gehorsam.

4. Frage: Woraus geht hervor, dass die Schrift das Wort Gottes ist?

Antwort:

Die Schrift bekundet selbst, dass sie das Wort Gottes ist, durch ihre Erhabenheit und Reinheit, durch die Übereinstimmung aller Teile und den Zweck des Ganzen, welcher ist, Gott alle Ehre zu geben, durch ihr Licht und ihre Kraft, die Sünder zu überführen und zu bekehren, die Gläubigen zu rösten und zu erbauen zur Seligkeit. Aber der Geist Gottes, der durch die Schrift und mit ihr im Herzen des Menschen Zeugnis gibt. ist allein imstande, es völlig zu überzeugen, dass sie das wahre Wort Gottes ist.

Darum darf man auch Jesus im Gebet bitten, dass er uns die Bibel, während wir sie lesen, auch verstehen können. Gute Kommentare und Predigten, welche den Zusammenhang erklären, helfen dabei, schneller die Zusammenhänge zu verstehen. Historisches Hintergrundmaterial helfen natürlich auch, die Zusammenhänge besser zu verstehen. Dabei sollte man aber acht geben, ob in den Sachverhalten auch wirklich Sachverhalte weitergegeben werden und nicht schon ein gewisses Wunschdenken. Oder mit anderen Worten: Das Ziel muss eine Exegese sein und keine Eisegese (= Ziel muss immer eine Auslegung sein anstelle eine "Hineinlegung" Oder anders gesagt: Das Ziel muss - wie bei jedem anderen Buch sein - dass man das Buch so versteht, wie es der Verfasser gemeint hat. Ob man damit einverstanden ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Nur so werden wir dem Text gerecht. Und wie bei jedem anderen Text, können wir auch nur so Neues lernen, selbst wenn  wir der Aussage nicht zustimmen können oder wollen. Bei der Bibel ist es natürlich noch wichtiger, dass es eine Bibel bleibt, damit wir Gottes  Stimme hören können und nicht nur unsere Meinung.)