Samstag, 28. Mai 2022

Der König von Deutschland

Erstaunlich: Menschen, die zutiefst von der Deutschen Gesellschaft enttäuscht sind, wählen sich einen König. Vermutlich haben sie Angst vor Enteignung und Freiheitsverlust und geben nun alles an ihren neuen König. Ist er ihr neuer Gott?

Verwirklichen sie so das, wovor sie flüchten möchten? 

In diesem Sinne ist das alles ein tiefer Ausdruck der Verunsicherung in der Gesellschaft. Mir fällt auf, dass es auch bei uns diese Reaktion gibt. 

Letztendlich ist es wohl eine denkerische Entwicklung: Auf der einen Seite die antiintellektuelle Postmoderne (Es gibt keine Wahrheit.), die zur Zunahme von Manipulation und Schamgesellschaft anstelle verantwortliches Handeln führt. Die Reduktion des Menschen auf die Materie oder zu einer Maschine führt zur Entleerung unserer Würde. Doch der Mensch braucht mehr. 

Ich habe in meinem Buch "Menschen der Reformation" die These aufgestellt, dass die klassische reformierte Theologie in der säkularisierten Form zum Liberalismus führte. Die reformierte Theologie betonte - im Gegensatz zur realexistierenden lutherischen Theologie - dass nicht nur das Volk aus Sünder besteht, sondern auch die Mächtigen. Darum muss macht kontrolliert werden, egal in welcher Staatsform. Gerade dieses Wissen vernachlässigen die Anhänger dieses neuen "Deutschen" Königs. Sie machen sich von einem Menschen abhängig. Und damit sind sie auch Kinder unserer Zeit. 

"Lex Rex" war darum ein Buch eines schottischen reformierten Pfarrers: Das Gesetz herrscht und nicht der König oder irgendwelche mächtigen Menschen. Oder anders ausgedrückt: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Die praktisch höhere Wertschätzung des Gesetzes in der reformierten Theologie führte zu Freiheit! Luther hätte wohl nie wie Zwingli sagen können, dass auch das Gesetz eine Art Evangelium, eine frohe Botschaft ist. Denn nun weiss ich, was recht ist. Ich kenne meine Rechte. Das ich Gottes Gesetz nicht einhalten kann, ist dramatisch, aber treibt mich zu Jesus Christus, denn wir sind zu 200% auf Christus und seine Gnade geworfen (das betonte natürlich auch Luther). Aber dennoch ist das Gesetz auch wichtig. Dieses Notgesetz in unserer Gesellschaft, damit wir vernünftig zusammenleben können, was auch Luther betonte. Aber was er nicht so gut ausdrücken konnte, wie die reformierte Theologie: Es hilft auch als Hausordnung für uns wahre Christen im Zusammenleben: Auch wenn es nur eine Notordnung ist, bis JEsus Christus wiederkommt, ist es in unserer Realität wichtig. Eine Richtschnur, damit wir leben können und unter einander auskommen können UND es hilft uns auch, richtig Busse zu tun.

In diesem Spannungsfeld des Unvollkommenen kann es natürlich zu einer Rebellion kommen. Aber immer im Bewusstsein des Unvollkommenen und das Rebellion eigentlich Sünde ist. Denn das Evangelium arbeitet von Ihnen und nicht wie das Gesetz mit Druck von Aussen. Das Evangelium schafft das Wunder einer neuen Gesinnung. Da es ein Wunder ist, haben wir Menschen es aber nicht unter Kontrolle. Und das wiederum ist auch unsere Freiheit: Gott muss es tun und Menschen haben es nicht in Händen. Hier beginnt auch das Thema des Unterschiedes zwischen Fleisch und Geist. Fleisch ist alles menschliche mögliche. Geist sind Gottes Möglichkeit und Freiheit. Hier gibt es auch ein Unterschied zum biblischen und zum humanistisch-christlichen Verständnis von Geist und Fleisch, zumindest wenn unter Humanismus gemeint ist, dass in unseren menschlichen Möglichkeiten, in unserem menschlichen Geist, die Macht bestände, uns aus der Sünde zu erretten. Das war ja auch der Streit zwischen Luther und Erasmus. Erasmus glaubte an die 99,9% Errettung des Evangeliums und 0,1% von uns Menschen, wie es heute viele Evangelikale tun. Luther glaubte an die 200% Errettung durch Christus. Darum wird Luther so unangenehm gegenüber Erasmus in seiner Schrift vom unfreien Willen: Denn darin hängt alles: Entweder wir sind 200% aus Gott gerettet und in Christus gesichert oder aber wir haben keine Heilsgewissheit, weil wir sie uns selber erarbeiten müssen und dies ist immer unsicher. Da aber Gott allmächtig ist und er uns erwählt hat, sind wir in Christus sicher. Das wirft uns auf Menschen anstelle auf Christus. Was wiederum an unser Thema erinnert.

Auch unter Christen merke ich diesen Hang, sich auf ein perfektes System anstelle auf Jesus verlassen zu wollen. Jemand sagte mir sogar mal, unser Staat kann sie nicht mehr ernst nehmen, weil er Fehler hat. Was für ein Wahn! Natürlich ist unser Staat unvollkommen. Das ist ja der Witz der Notstandsordnung in dieser Zwischenzeit. Darum braucht es Gebet und gesunde Kritik. ABER wenn man dann hinget und glaubt es perfekt besser machen zu können, dann wird es nur noch schlimmer. Eigentlich ist das der altbekannte Streit. Schon Zwingli stritt mit den Täufern über dieses Thema. Zwingli betonte dabei den Unterschied zwischen menschlicher und göttlicher Gerechtigkeit. In dieser Zwischenzeit herrscht in der Welt die gleiche Spannung wie in unserem HErzen als echte Christen: 

Wir sind geistlich schon im Himmelreich. Alles ist schon da. Zugleich ist es auch noch nicht da. Das ist der eschatologische "Schon-jetzt-und-noch-nicht-Aspekt". Oder Luther sagte dem: Sünder und Gerechte zugleich. Gott heuchelt mit uns, als ob wir Heilige wären. 

Und wir sind es auch, wenn wir in Christus sind. Aber der alte Adam kann schwimmen und auch Luther konnte ihn nicht ersäufen, das Biest kann schwimmen. Aber in Christus sind wir eine neue Kreatur. 

Unser Erbe in voller Weise werden wir aber erst antreten, wenn Jesus zum zweiten Mal kommt. Dann werden wir nicht mehr sündigen können und alles wird gut sein. Dann werden wir sehen, was wir nun hoffen.

Ich kenne auch Christen, die wollen sich in eine heilige und sichere Gemeinschaft zurückziehen. Und auch in mir verspüre ich dies. Vielleicht würde hier eine Diskussion mit einer Diakonissin helfen, wie ich es tat. Diese hat mir gesagt, dass jede in ihrer Gemeinschaft jederzeit austreten kann, damit die Gemeinschaft wirklich freiwillig ist. Bei einem Austritt  würde auch ein gewisser Geldbetrag ausbezahlt, damit man sich eine neue Existenz aufbauen kann. Sie erzählte mir, dass es nicht immer einfach sei so zusammen zu leben. 

Luther war mal ein Mönch und meinte, dass er in der Ehe effizienter vorankam als als Mönch. Er erkannte durch seine Ehe (die er zuerst nicht gewollt hattet, dafür umso mehr seine Frau), dass er wohl nicht für das Mönchsein berufen war. Gott führt natürlich unterschiedlich. Aber Ehe zu leben, ist eine ebenso hohe gemeinschaftliche Übung, die nicht jeder durchhalten kann, wie die Scheidungsraten zeigen. Dazu braucht es natürlich auch Gnade, Hilfe von Gott.

Und wie muss es erst in einer Gemeinschaft mit anderen sein. Eigentlich sollte unserer Familie und unser Arbeitsplatz sowie die Dorfgemeinschaft oder die Stadtgemeinschaft unser Übungsfeld sein. Wenn wir als Christen Salz sein wollen, haben wir hier genügend Betätigungsfeld, Gottes Ehre und Liebe auszudrücken. Dazu gehört auch, das sich Aufregen Jesus hinzulegen.

Der Idealismus führt zu Perfektionismus. Und dies zu einem grossen Gefängnis der Selbstgerechtigkeit, die nur mit Druck durchgesetzt werden kann. Dahinter liegt natürlich unsere Ursünde: Wir wollen der Massstab sein. wir wollen Gott sein und uns selber erlösen. Unsere Freiheit liegt aber in der Demütigung unserer Selbsterlösungsstolzes. Denn dieser führt regelmässig zu irrationalen Verhalten. Wir suchen Sicherheit und begeben uns in menschliche Abhängigkeiten.

Dies gilt für uns alle.

Ich empfehle daher nicht über diese Reichsbürger zu lachen, denn so lächerlich sind wir auch: Weil wir uns oft nicht selbst erkennen, machen wir das Gegenteil, von dem, was wir wirklich wollen und brauchen und sind dann erstaunt, dass wir es nicht erlangen.

Zugleich ist es für uns alle ein Warnzeichen: Bitte liebe Journalisten und Politiker geht in Euch, tut Busse, damit ihr diesen Schaden heilen könnt und nicht noch mehr vergrösssert. Achtet darauf, dass ihr nicht Meinung und Fakten vermischt und manipuliert. Steht zu Euren Fehlern und erlebt VErgebung und werdet so zu respektierten und glaubwürdigen Quellen unserer Gesellschaft: In all Eurer Unvollkommenheit werdet Ihr so zu stützten der Gesellschaft.

Hoffen und beten wir, dass wir noch keine Schamgesellschaft sind, welche ihre Probleme nicht mehr aufdecken können, um sie zu lösen.

Hier der interessante Spiegelbericht.



PS: Interessant ist, das Johannes Calvin Knox keine Antwort geben konnte, ob eine Revolution möglich ist. Calvin wahr sehr gehorsam. Gerade  dieser Gehorsam gegenüber Gott kann dazu führen, dass man als Christ einfach leiden muss. Aber man muss Gott mehr gehorchen und dass kann zu zivilem Ungehorsam führen. Aber nicht, um den Staat zu zerstören, sondern um ihn zu stärken. Das Ende seiner Instituo geht darauf ein. Vielleicht, ist es das Ende seines Buches, weil es führ ihn wichtig wahr?

Zwingli wie Knox hatten mit offenen Rebellion weniger Mühe. Bei Zwingli klingen die Beispiele der Richter an, die an Wilhelm Tell erinnert. 

Freitag, 13. Mai 2022

Frauen

 Ich hatte letzthin ein interessantes Gespräch. Laut diesem werden die Frauen viel zu wenig in der Geschichte berücksichtigt. Natürlich kommt einem dabei der Spruch in den Sinn: Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau.

In meinem Buch "Menschen der Reformation" habe ich zwar ein Kapital zumThema Frauen der Reformation gewidmet und auch bei den Kapiteln über die Reformatoren immer ihre Ehefrauen erwähnt, aber natürlich sind Frauen meistens nicht so prominent vertreten wie die Männer damals waren. Allerdings wenn man die Ehe von Martin Luther betrachtet, so ist seine viel jüngere Frau eine historisch wirklich wichtige Persönlichkeit: Sie waren DAS Vorbild über Jahrhunderte für die Ehen und die Arbeit von Pfarrern.

Ich stellte dabei auch die Frage, ob denn das so wichtig ist. Ich erwähnte nicht, dass ein George Whitefield obwohl er sehr berühmt wurde, nicht berühmt werden wollte, da es ihm um Jesus ging. Johannes der Täufer bezeugt sogar, dass er abnehmen muss, damit Jesus Christus zunehmen kann.

Zudem glaube ich, dass viele Menschen in unserer menschlichen Geschichtsschreibung nicht so berücksichtigt werden, wie es im jeweiligen Lebensbuch des Menschen bei Gott ist. Vor Gott und durch diese Geschichtsschreibung kann es für uns sogar etwas unangenehm werden, da dann nicht nur die glänzenden Seiten berücksichtigt werden, sondern auch jener Teil, mit dem wir ehrlich die ewige Hölle verdient hätten. Und das ist ja das interessante: Menschen, die sich immer mehr in Christus Gott nähern, erhöhen ihre Selbst- und Gotteserkenntnis. Das wiederum bedeutet, dass sie mehr von ihrer Sündhaftigkeit und der gleichzeitig der Liebe Gottes ihnen gegenüber bewusst werden. Denn je klarer uns unsere Sündhaftigkeit wird - und wir in Christus sind - umso mehr wird uns die Liebe Gottes und seine freie Erwählung bewusst. Oder wie es sinngemäss einst Whitefield sagte: "Wie kannst Du einen solchen Schuft lieben?" oder Luther sprach von einem Madensack, als man eine Kirche nach ihm benennen wollte (und es dann auch tat).

Tatsächlich haben auch in der Reformationszeit Frauen Wichtiges beigetragen und geschrieben. Zwinglis Frau hat zum Beispiel korrespondiert. Die Schwester des französischen Königs hat zeitweise Johannes Calvin aufgenommen und wenn sie ein Schnurbart gehabt hätte (so sagte sie es selber), hätte sie ihre lieben Landleute mehr beschützt, als sie es jetzt tun konnte. Von Elisabeth oder Jane Gray gar nicht erst zu sprechen.

Aber wer die Gnade Gottes wirklich beginnt zu erkennen, wird merken, dass es auf den Ruhm der Menschen nicht ankommt, sondern die Ehre bei Gott ist viel, viel wichtiger. Und natürlich, im Sinne der Wahrheitssuche sollten wir uns Mühe geben, die Geschichte möglichst authentisch wiederzugeben. Dabei hilft natürlich auch, wenn wir dies nicht ideologisch begründet treiben.

Interessant war nun, dass ich das folgende alte Buch (s. Bilder) in diesem April in einer Brockenstube fand.

 





Es scheint also, dass es auch im tiefen patriarchalen Zeitalter Bücher über Frauen von Frauen gegeben hat. In der Bibel findet man übrigens auch zwei Bücher, die mit Frauen-Namen bezeichnet sind: Das Buch Ruth und das Buch Esther. Vielleicht müsste man auch bei diesem Thema, wie überall differenzieren um die Komplexität des Thema gerechter zu werden. (Und natürlich wurde durch Männer Machtmissbrauch gegenüber Frauen getätigt. Aber es gibt auch ein natürlicher Beschützerinstikt von Männern gegenüber Frauen. Ich hörte in den letzten Tagen, dass darum die weiblichen Soldatine, die in der israelischen Armee kämpfen von den männlichen getrennt sind: Männer neigen dazu die Frauen beschützen zu wollen. Das kann militärische Operationen sehr behindern. Mit anderen Worten: Wie bei jedem Thema der Umbiegung des von Gott gegebenen Guten gibt es auch das nicht Verbogene.


Gott segne Sie.

Donnerstag, 14. April 2022

Prädestination kann nur innerhalb des Wortes Gottes verstanden werden: Prädestination und Verantwortung // Prädestination und Gebet bei Johannes Calvin DASS hilft auch gegen Machtmissbrauch!

 Beim vorangehenden Blogbeitrag haben wir einige wenige Zitate von Johannes Calvin gehört. Dabei fiel sicherlich der immer wieder erwähnte Bezug zur Vorsehung auf. Calvin lehrt ganz selbstverständlich Gottes Allmacht (= Prädestination) und unsere Verantwortung. Dazu gehört auch unsere Verantwortung im Gebet und die erstaunliche Antinomie. Also die für unseren Verstand gegensätzliche Aussagen: Gottes Allmacht und unsere Verantwortung. Eine Verantwortung, die wir seit dem Sündenfall nicht mehr erfüllen können. Auch im Gebet können wir nicht so beten, wie wir sollten. Aber wie wir in Gnaden errettet wurden, so erfüllt auch Jesus unsere Heiligung und unser Gebetsleben. Hierzu meine vorangehender Blog.)

Was sagte Calvin nun konkret zum Thema der Prädestination? Hier ein kleiner Auszug daraus:

Institutio III,21,2



Dieser Satz sticht heraus:

Auch sollen wir uns nicht schämen, in einer solchen Sache etwas nicht zu wissen, in der es eine wohlgelehrte Unwissenheit (docta ignorantia) gibt!"

Diese Gedanken führen uns zu Dankbarkeit und zur Anbetung Gottes! 

Und es erklärt natürlich auch, warum Calvin so gegen Machtmissbrauch schrieb: Machtmissbrauch rührt aus unserer Ursünde her: Wir wollen der Massstab sein. Wir wollen, wie Gott sein! Und das ist unser grosses Unglück, unsere Hölle.

Hierzu eine Auslegung (nur ein Auszug) von Johannes Calvin zu Daniel 6,12-16:

"Den Königen ist ihr Ansehen so wichtig, dass sie ein böses Unternehmen am liebsten zu Ende führen, auch wenn ihr Gewissen ihnen Schuld gibt. Auch wenn sie ganz deutlich vor Augen sehen, was recht ist, so ist das kein ausreichender Zügel, um sie in Schranken zu halten, wenn der Ehrgeiz sie nach der anderen Seite zieht und sie nur darauf bedacht sind, dass ihr ruf bei den Menschen nicht leidet. Darius hatte den guten Willen, Daniel zu retten, wenn es sich nur mit seinem guten Ruf vertrüge und den Gewaltigen gefiele. Aber auf der einen Seite hatte er Angst vor einer Verschwörung der Fürsten und auf der anderen fühlte er eine törichte Scham im Gedanken an den Vorwurf des Wankelmuts, der ihm gemacht werden könnte ..."

Calvin nimmt auch Bezug auf Pilatus, der eigentlich Jesus freilassen wollte ...

Ist vielleicht heut Präsident Putin in einem ähnlichen Dilemma?

"Das ist gar nicht verwunderlich; denn das einzig Sichere und Feste, auf das wir uns stützen können, um unerschrocken unsere Pflicht zu erfüllen und alle Furcht zu überwinden, ist der Glaube. Darius überantwortete den Daniel dem Tode. Da sieht man, wie selbst die Könige den verdienten Lohn für ihre Hoffart davontragen, indem sie wie Sklaven ihren Schmeichlern gehorchen müssen. Darius erwartet eine Stärkung seiner Königsgewalt davon, wenn er den Gehorsam aller seiner Untertanen auf diese Weise auf die Probe stellte; er glaubte sich also Göttern und Mensche überlegen, wenn er diesen Gehorsam fand. Wenn aber die Könige sich allzusehr erheben, so setzen sie sich der Schmähung aus, so dass sie die Knechte ihrer Knechte werden. Wer bei den Königen in Gnaden stehen will, der gibt ihnen in allen dingen recht und betet sie an, aber dann sind die Könige die reinen Götzenbilder - und was haben sie als solche noch für Freiheit? Autorität haben sie dann nicht mehr, und sie können sich nicht einmal mehr auf ihre besten Freunde verlassen, überall haben sie Wächter um sich, und selbst der ärmste Gefangene im Kerker, wenn er auch drei oder vier Wächter hat, ist freier als die Könige. Aber das ist Gottes  gerechte Strafe; denn wenn sie nicht im Rang und Stand der MEnschen bleiben, sondern sich über alle Wolken erheben und Gott gleich sein wollen, so müssen sie zum Spott werden. Sie machen sich auf diese Weise abhängig von ihren Dienern und wagen von sich aus nichts zu tun, haben auch keinen Freund mehr. So musste auch Darius wider Willen seinen Fürsten gehorchen; denn er hatte vergessen, dass auch er nur ein sterblicher MEnsch war, und wollte Gott seine Herrschaft rauben, ja, ihn gleichsam vom Himmel herabziehen. denn wenn es einen Gott im Himmel gibt, so muss man zu ihm beten, das aber hatte Darius verboten, und damit hatte er Gottes Macht, soviel er konnte, zunichte gemacht. Nun muss er seinen Untertanen zu Willen sein."  (Seite  463 bis 464)




Somit hilft die biblische Prädestinationslehre auch gegen Machtmissbrauch: 

Denn es gibt Dinge, über die wir Menschen nicht verfügen können und darum Freiheit gewähren müssen. Dazu gehört die Bekehrung zu Gott. Und dazu gehört natürlich auch die uns von Gott anvertraute Macht! Denn nicht nur Könige können ihre Macht zu ihrem eigenen Unglück und Schaden der Gesellschaft missbrauchen.

Nebenbei erwähnt: Gerade Menschen, die Machtmissbrauch erlebt haben, müssen ebenfalls aufpassen, ihre Macht nicht zu missbrauchen. Gerade die Angst, wieder Machtmissbrauch zu erfahren, kann dazu führen, dass man alles kontrollieren will. Und dieses alles Kontrollieren kann sehr schnell zu Machtmissbrauch führen.

Was hilft dagegen? Vertrauen auf Gott. Und hierzu gehört der Glaube an seine Allmacht und Prädestination! Er hat uns erwählt, vor Grundlegung der Welt. Er lässt das Schlimmste zu unserem Besten verwandeln, auch wenn wir es nicht immer verstehen. Und ja, es ist hier in der Zwischenzeit ein noch Warten, Glauben und Hoffen. Aber wenn Jesus wiederkommt, werden wir nicht mehr glauben und hoffen, sondern nur noch lieben. Dann wird das, was wir in Christus erwarten und als Vorschüsse hier schon haben, zur vollen Reife erscheinen.


Letzten endlich, hilft uns die biblische Prädestinationslehre in Christus zu ruhen. Daraus erklärt sich auch, wie man in aller Arbeit und Mühe in Christus ruhen kann, d.h. im Shalom, der täglichen Sabbatruhe seit Jesus zum ersten Mal als Mensch kam, leben darf. Natürlich im eschatologischen "Schon-jetzt-und-noch-nicht-Aspekt" bis wir in Jesus Christus auferstehen oder verwandelt werden.

Die biblische Prädestinationslehre ist der tiefe Ausdruck der Gnade Gottes zu uns!

------------------- 

PS: Vielleicht schwang bei Darius auch eine gewissen Gesetzestreue mit, als er  Daniel verurteilte, da er ja laut ihrem menschlichen Recht sein Wort nicht mehr zurücknehmen durfte. So genau wissen wir dies. Calvin geht auf diese Möglichkeit in diesem Kommentar nicht ein. Aber auch dann hat sich Darius in seinem überheblichen Stolz in dieses Problem hineingeritten. Und es wäre wohl vor Gott besser gewesen, wenn er lieber selber die Strafe getragen hätte, als sie an Daniel vollziehen zu lassen. Die Frage ist, welche Strafe er bei Bruch seines Wortes hätte tragen müssen: Gefängnis? Sicherlich auch Schmähungen. Aber, wenn er sich selber unter das Gesetz gestellt hätte, wäre die Angst einer auflösenden Tendenz der Rechtsprechung gebannt gewesen. Und ich könnte mir vorstellen, dass längerfristig Darius glaubwürdiger geworden wäre und er dadurch mehr Autorität erlangt hätte. Denn es gibt ja eine offizielle Autorität und eine inoffizielle. Zudem gibt es eine Erzwungen Machtausübung und eine Machtausübung, die man freiwillig von den anvertrauen Menschen erhält. Inoffizielle Autorität und die freiwillige Übertragung von Macht, wird durch Glaubwürdigkeit gefestigt (und es braucht natürlich auch reife Menschen, die damit umgehen können –  und zwar bei allen, bei den Mächtigen und den weniger Mächtigen.)

Gebet Johannes Calvin mit einigen Gedanken zum Gebet aus seiner Sicht (Insitutio)

 

Johannes Calvin: Das Gebet gräbt die Schätze aus, die unser Glaube im Evangelium des Herrn angezeigt gefunden und dort erschaut hat  (III,20,3 Institutio)

Es ist daher gar zu töricht, wenn jene Leute faseln, um des Menschen Herz vom Beten abzuhalten, es sei vergebens, Gottes Vorsehung, die stets zur Hut aller Dinge auf der Wacht stehe, mit unserem Schreien zu ermüden!

...

So wächst also Gottes Auge, um der Not von uns Blinden abzuhelfen; aber auf der anderen Seite will er auch unser Seufzer hören, um seine Liebe gegen uns desto besser zu beweisen!

So ist beides wahr: "Der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht" (Psalm 121,4) - und doch verzieht er auch, als hätte er uns vergessen, wenn er uns lässig und stumm sieht!"       Johannes Calvin (aus Institutio III, 20,3)

aus Institutio III, 20, 5, Johannes Calvin: Hier wendet Calvin ganz praktisch, wie schon vorangehend, die biblische Wahrheit, der Allmacht Gottes und unsere Verantwortung an, die sich auch in der biblischen Prädestination und unserer Verantwortung wiederspiegelt.

Dieser Antinomie, die wir theologisch nicht auflösen dürfen, sondern ihre Spannung in unserem Denken stehen lassen müssen, um sie in Christus, im Studium der Bibel begreifen zu können, wenn dabei auch die gelehrte Unwissenheit zu beachten ist: Institutio III, 21, 2:

"Auch sollen wir uns nicht schämen, in einer solchen Sache etwas nicht zu wissen, in der es eine wohlgelehrte Unwissenheit (docta ignorantia) gibt! "

Hier lese ich aus diesen Stellen der Institutio vor (Es sind nur Ausschnitte):





Dienstag, 12. April 2022

Wilhelm Busch

 

Wilhelm Busch  lebte vom 27. März 1897 in Elberfeld, heute Wuppertal bis am 20.Juni 1966 in Lübeck.

 

Am 20. Juni 2022 wäre Wilhelm Busch 125 Jahre geworden. Dieser Pfarrer ist nicht mit dem humoristischen Dichter und Zeichner zu verwechseln, obwohl auch dieser Pfarrer Witz hatte.

 

1931 hat eine „Universität für Erwerbslose“ gegründet. 500 junge Arbeitslose kamen täglich in die Räume des grossen Jugendhauses. Hier bekamen sie einen strukturieren Tag, konnten Fremdsprachen und Mathematik lernen. Es gab Lehrgänge in Landwirtschaft, Architektur und Stenografie und auch Musik- und Sport-Angebote. Zudem gab es jeden Morgen ein Frühstück, „das sich Busch erfolgreich zusammenzubetteln wusste.“ (aus Idea, 13.2022 Seite 24).

Es waren sehr unterschiedliche Männer, die hier zusammentragen: Kommunisten, SA-leute, Atheisten und überzeugte Jesus-Jünger. „Manchmal ging es hoch her. nicht zuletzt in der wöchentlichen „Weltanschauungsstunde“. In ihr verkündigte Busch in einer kurzen Ansprache das Evangelium wobei Gelegenheit zu anschliessender Diskussion gegeben war.“ Hier wurde unter Gottes Wort Toleranz und Freiheit gelebt.

 

Aber dieser Ort war mit zunehmender Ideologisierung des Staates gefährdet. Schon zwei Jahre später kamen die Nationalsozialisten an die Macht und wollten die Jugend als Hitler-Jugend unter ihre Kontrolle bringen. Wilhelm Busch und seine Jugendarbeit stand hier von Anfang an dagegen. Aber der Versuch sie in die HJ (= Hitlerjugend) einzugliedern sollte misslingen. Aber es gab vielerlei Konflikte.

 

„Anfang 1934 war es in Essen Mode geworden, dass die HJ nachts irgendein katholisches oder evangelisches Jugendheim überfielen und besetzte. Das war zwar illegal, doch die Polizei stellte sich blind und die Justiz taub. Der ehemalige Frontoffizier und Freikorpsangehörige Busch wollte aber auf keinen Fall sein Jugendheim kampflos der Hitler-Jugend überlassen. Er beschloss mit seinen Mitarbeitern, es im Notfall zu verteidigen, und richtet bis zu 50 Personen starke Nachwachen ein.“

 

Und tatsächlich in einer Nacht versuchten Angehörige der HJ das Haus gewaltsam zu erobern. Sie waren überrascht, auf erbitterten Widerstand zu stossen. Mit zum Teil aus Gummischläuchen bewaffneten Wiegle-Haus-Verteidiger waren sie nicht gewachsen. Sie mussten Hals über Kopf flüchten.

 

„Busch: ‚Ich hatte meinen Jungs gesagt: ‚Wenn schon, denn schon.‘“

 

Bald nun stiess Busch auf ein Buch des reformierten Pfarrers Joesph Chambon über die Geschichte der im 17. Und 18. Jahrhundert so grausam verfolgten Hugenotten (= so wurden Reformierte in Frankreich bis zur französischen Revolution genannt, da offiziell ihr Reformiertsein vom franz. Staat abgesprochen wurde.). Die Hugenotten mussten die Erfahrung machen, dass Gott nicht den Weg des gewalttätigen Widerstandes segnet. Idea schreibt:

„Wilhelm Busch: ‚In unserem Jugendkreis wurde das Buch studiert. (…) Wir begriffen plötzlich, was das heisst im Neuen Testament: ‚Wir sind geachtet wie Schlachtschafe. Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen.‘

(…) Wir begriffen auf einmal, was es heisst: Ich stell mich in und lass mich schlagen und beschimpfen. Das ist der Weg Jesu, wie er nach Golgatha ging. (…) Das waren schmerzhafte Erkenntnisse.“

 

Hier wird sicherlich etwas ganz wichtiges festgehalten: Der Unterschied zwischen Held und Heiliger!

Gerade die biblische Prädestinationslehre zeigt uns die  Gnade Gottes als reines Geschenk Gottes, dass wir Menschen nicht unter Kontrolle haben. Und gerade das bedeutet: Im Glauben müssen wir Freiheit geben! Wir dürfen und sollen beten, dass der Heilige Geist ein Wunder tut und Bekehrung schenkt. Aber erzwingen können wir es nicht. Und auch, wenn wir aus humanistischer Denkweise nicht an die biblische Prädestinationslehre glauben wollen oder können, so wissen wir doch um die Kraft des Gebetes und dass wir nichts ohne Christus machen können, was geistlich ewig gut ist.

Nur in Christus sind wir sicher. Und nur in Christus werden wir siegen. Dazu müssen wir aber auch in Glaubenssachen mit den Waffen des Geistes kämpfen und dazu müssen wir erkennen, dass wir nicht gegen Menschen, sondern gegen geistliche Mächte kämpfen! Aber das ist natürlich nicht einfach. Paul Schneider hat dies unter der nationalsozialistischen Ideologie bis aufs Äusserte durchgezogen: Unpolitisch ganz treu in Christus bis zum Tode in einem KZ. Wenn man sein Leben liest, denkt man, für was macht er das? Warum gibt er nicht ein wenig nach? Er müsste nur sagen, ich bin nicht mehr Pfarrer in dieser Gemeinde und er wäre aus den KZ gekommen. Aber er konnte nicht schweigen. Selbst im KZ prangerte er das Unrecht an und wurde dafür geschlagen und misshandelt. Und genau mit dem riss er den Schleier über diese Ideologie weg: Es war kein Fortschritt. Die Herrenrasse war menschlicher Wahn. Ihre ganze Unmenschlichkeit wurde entblöst und sogar die nationalsozialistischen Täter konnten nur unter Scham den Leichnahm in einem versiegelten Sarg seiner Frau und Kinder übergeben. Eine Frau schrieb später der Wittwe von Schneider, dass das Beispiel von ihrem Mann sie  bewahrt hat, selber Nationalsozialistin zu werden. Wie leicht wäre es doch gewesen, nachzugeben und zu glauben, ein Herrenmensch zu sein, der sich aus „Selbstvertreidigungsründen“ die schlimmsten Gräuel an anderen Menschen zu machen zu dürfen. Diese Super-Mobbing Ideologie war durch die einfache Ehrlichkeit besiegt worden und ihre Selbstlügen ins Licht der Wahrheit gestellt.

 

Aber zurück zu Wilhelm Busch. Mit der Zeit wurde die kirchliche Jugendarbeit in Deutschland verboten. Busch verstand es aber fintenreich zu umgehen. Das entging der NSDAP-Kreisleiter nicht. So schrieb er  im Mai 1936 ein Gutachten: „Busch ist unverbesserlich. Es ist höchste Zeit, dass ihm der Einfluss auf die Jugend genommen wird. (…) Die politische Zuverlässigkeit wird unbedingt verneint.“ Idea schreibt weiter, dass er mehrmals im Verlauf der Nazizeit zu Verhören gezwungen wurde. Er war auch mehrmals vorübergehend inhaftiert.

In der Idea-Ausgabe sieht man Busch als Prediger vor uniformierten Nazis. Dazu steht geschrieben: „Busch widersetzte sich den Nationalsozialisten. Am 1. Mai 1933 fand ein Weigle-Haus-Aufmarsch auf dem Essener Burgplatz statt.“

 

Nach dem zweiten Weltkrieg war Wilhelm Busch ein überzeugter Pazifist. Mit Gustav Heinemann setzte er sich in der Adenauer-Ära gegen eine Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und gegen die atomare Aufrüstung ein. Sein „Licht und Leben“-Ausgaben zeugen immer wieder von dieser seiner Haltung. Allerdings erkannte er auch an, das liebe Brüder im Glauben, dass auch anders sahen. So schreibt er u.a.:

 

„Ich habe wirklich Brüder im Glauben, die meine Ausführungen empörend finden.  Sie werden trotzdem meine Brüder sein und ich der ihrige. Ich sehe also an ihnen, dass man als Christ über die Aufrüstungsfrage auch anders denken kann. Aber wir wollen uns alle im Folgenden einig sein: – Dass man in der Gemeinde Jesu über die Fragen sprechen muss; – dass wir unser Urteil bilden müssen vor Gott, frei von (…) rechthaberischem Wesen; – dass  die Einheit der Gemeinde Jesu im Glauben gegeben ist.“ Idea stellt dazu fest:

„Und dass Busch in seinen Predigten oder in seiner Jugendarbeit nicht politisierte, sondern stets die christliche Heilsbotschaft in den Mittelpunkt stellte, auch das kann als durchaus nachahmenswert empfohlen werden.“

 

Dem kann ich nur zustimmen: Denn auch das ist der Unterschied zwischen Held und Heilig. Um mit Zwingli zu sagen: Menschliche Gerechtigkeit verdient im Angesicht der göttlichen Gerechtigkeit nicht einmal das Wort Gerechtigkeit. Aber in dieser Zwischenzeit leben wir in einer solchen Welt. Und zum Denken gehört die Unterscheidung. Gott schuf die Welt und danach schied er Licht und Dunkel usw. In dieser Art Denken sind wir Gott ähnlich (= nicht Gott, aber ähnlich), als seine Ebenbilder.

 

 Gerade in Corona-Zeiten scheint mir das auch sehr wichtig.

 

Wilhelm Busch fand in den Schrecken des ersten Weltkrieges zu einem lebendigen Glauben an Jesus Christus. 1920 war er Gemeindepfarrer in einem Bergarbeiterbezirk in Essen. Ab 1930 war er Jugendpfarrer und Leiter des Essener Jugendhauses, dass später Weigle-Haus genannt wurde. Während des Nationalsozialismus war er Anhänger der Bekennenden Kirche. 1967, nach seinem Tode, erschien sein berühmtes Buch „Jesus uns Schicksal“ mit 17 evangelistischen Vorträgen von ihm.

Als Vater hatte er mit seiner Frau vier Töchter und zwei Söhne. Ein Kind starb im Kleinkindalter und ein anderes starb als Soldat in Russland.

Dieser Beitrag stammt von Herrn Matthias Hilbert, Idea 13.2022, Seite 24 und 25. Herr Matthias Hilbert ist Lehrer und 2021 ein Buch „Unvergessene Pastoren und Evangelisten. Sechs Lebensbilder“ im Adlerstein-Verlag veröffentlicht:

BoD 132 Seiten ISBN 978-3-7534-4223-5, Euro 9,90

Montag, 11. April 2022

Rock me, Dostojewski – Poet. Prophet. Psychologe. Punk. Markus Spieker, David Bühne

 

Ich muss sagen, ich habe nicht die gleiche Begeisterung für Fjodor Michailowitsch Dostojewski wie Herr Spieker. Aber eindrücklich ist dieser russische Schriftsteller wirklich.  Er lebte vom 11.11.1821 in Moskau bis am 9.2.1881 in Sankt Petersburg.

 

«Der Mensch ist ein Geheimnis. Man muss es enträtseln.»

 

Ich dachte immer,  Lenin und der Kommunismus sei von aussen auf Russland eingedrungen. Tatsächlich spürte schon Dostojewski, dass eine solche Entwicklung möglich war. Er selber durchlitt viel. Einiges hat er sich selber eingebrockt. Auch dies hat in geprägt und hat er in seinen Schriften verarbeitet.

 

Sein christlicher Glaube legte er als junger Mann ab und las in einer revolutionären Gruppe entsprechende Schriften vor. Das brachte ihn mit anderen vor ein Schein-Erschiessung, die in Gefängnis und in die Verbannung nach Sibirien umgewandelt wurde. Seit dieser Schein-Exekution legte er viel Wert auf wirkliches Leben. Er war nicht wie Nietzsche usw. nur ein Theoretiker. Er wollte Leben, selbst auf die Gefahr Fehler dabei zu machen. Und das machte er auch und war sich dessen bewusst.

 

Im Gefängnis in Sibirien wurde er wieder Christ. Sein Zweifel gehörte zu seinem Glauben. In dieser Spannung zwischen seinem Glauben, seinen Zweifeln und den Schrecken seines Lebens entstand sein Beitrag zur Weltliteratur. In einem Roman argumentierte er so gegen den Glauben an Gott und Christus und verarbeitete damit seine eigene Zweifel, dass er sagen konnte, dass seine Zweifel viel grösser und gründlicher waren, als die gängigen atheistischen Argumente. Hier sieht man auch, wie extrem Dostojewski sich in ein Thema gibt. Stefan Zweig folgert daraus, dass Dostojewski nicht an Jesus Christus glaubte. Aber Zweig verstand nicht, dass der Zweifel zum Glauben gehört. Und gerade Dostojewski hatte sehr starke Zweifel, mit denen er gerungen hat. Und er war auch gegen jene, die diese Zweifel genährt haben, sehr wütend. Ich gebe hier seine starken Worte nicht wieder. Oft gehen seine Geschichten nicht gut aus. Manchmal scheint sein Glaube nicht in der Geschichte vorhanden zu sein.  Es mag mal eine Bekehrung geben und manchmal beginnt jemand neu. Aber oft fallen die Menschen ihren eigenen Ideen zum Opfer und sogar, wenn sie dies  entdeckten und es korrigieren, gibt es kein Happy End. Allerdings wirkt dann sogar eine den Tod überdauernde Hoffnung nach … Viele verstanden ihn nicht und so war Nietzsche wie eine okkulte russische Persönlichkeit von Dostojewski angetan. Aber es war wohl seine Genialität, dass seine Geschichten verschiedene Interpretationen haben. Also genau das, was wir ja im wirklichen Leben auch haben.

 

Und manchmal liest bei ihm einfach von einem psychisch kranken Menschen, dass einem die Ohren wackeln. Zugleich können die Geschichte Wendungen nehmen, die man nicht für möglich gehalten hätte.

 

Im Alter wird Dostojewski auch in seinem Leben ruhiger. Wenigen Wochen vor seinem Tod, hält er eine Rede zum Gedenken Puschkin, die wie eine Bombe einschlägt:

 

«Mit heiserer, gepresster Stimme hält er  die Rede seines Lebens. Mit seinem Tribut an Puschkin entfaltet er eine grosse Vision von der Bestimmung des russischen Volks. Im Streit zwischen Westlern und Slawophilen schlägt er sich auf keine Seite, sondern ruft zum gemeinschaftlichen Aufbruch in ein neues Zeitalter der Menschenliebe auf. Die Wirkung der liebevoll-leidenschaftlichen Ruck-Rede ist phänomenal.» schreibt Spieker.

 

Der Saal soll getobt haben. Dostojewski schreibt am 8.6.1880 an eine Ehefrau Anna:

 

«Unbekannte Menschen im Publikum weinten, schluchzten, umarmten sich und schworen einander, besser zu werden, einander in Zukunft nicht mehr zu hassen, sondern zu lieben. Der verlauf der Sitzung war gestört: Alle stürzten zu mir aufs Podium, vornehme Damen, Studenten – all das umarmte und küsste mich. Alle Mitglieder unserer Gesellschafft, die sich auf dem Podium befanden, umarmten und küssten mich; alle, buchstäblich alle, weinten vor Begeisterung. Der Applaus dauerte wohl eine halbe Stunde, man winkte mir mit Taschentüchern zu, da hielten mich plötzlich zwei unbekannte alte Herren fest und sagten: ‘Wir waren zwanzig Jahre lang verfeindet, sprachen nicht miteinander, jetzt aber haben wir uns umarmt und versöhnt.

Sie sind es, der uns versöhnt hat. Sie sind unser Heiliger, unser Prophet! (…)

(Meine Anmerkung: Gott gehört doch allein die Ehre!)

Ich flüchtete mich in die Kulissen, aber schon drangen alle aus dem Saal und, vornehmlich Frauen, auch dort ein. Sie küssten mir die Hände, setzten mir zu. Studenten kamen herbeigeeilt. Einer von ihnen fiel tränenüberströmt in Hysterie vor mir zu Boden und verlor das Bewusstsein. Es war ein entscheidender sieg auf der ganzen Linie. (…) Das ist ein Pfand auf die Zukunft, ein Unterpfand auf alles, selbst wenn ich sterbe.» (S. 525).

 

Leider wurden dann im 20. Jahrhundert die schlimmsten Ahnungen von Dostojewski für Russland war.  Und das war für mich erstaunlich: Dostojewski sah die Gefahren der damaligen neuen Denkweise für die Zukunft. Mit seinen Arbeiten als Schriftsteller hat er nicht nur sein Leben aufgearbeitet. Er wollte auch vor dieser Entwicklung warnen und dagegen anschreiben. Gott schenkte es, dass er mit einer einzigen Rede tief zu den Herzen der Menschen reden durfte.

 

«Als der Schriftsteller zu Grabe getragen wird (übrigens mit einer spontanen und nicht geplanten Beerdigung, welcher der Zar bezahlte: meine Anmerkung) ist Lenin neun Jahre alt, Stalin zwei, und Alois Hitler hat sich gerade von seiner zweiten Frau getrennt; mit der dritten wird er seinen

Sohn Adolf zeugen. Dostojewskis schlimmste Befürchtungen werden im 20. Jahrhundert von der Wirklichkeit noch übertroffen.»

 

 Auch den Abgesang der europäischen Intellektuellen auf Gott hat Dostojewski nicht zum Verstummen bringen können. Ein Jahr nach seinem Tod lässt sein Bewunderer Friedrich Nietzsche in ‘Die fröhliche Wissenschaft’ den Ruf ‘Gott ist tot’ erklingen.

 

Also doch alles vergeblich?

 

Die ungebrochene Resonanz, die Dostojewski immer noch geniesst, spricht eine andere Sprache. Seine Botschaft hat unzählige Adressaten gefunden, sein Vermächtnis hat Millionen von Menschen bereichert. Er lebt fort in Büchern, Gesprächen und den Handlungen …» Schreibt Spieker.

 

Auf seinem Grabstein steht Johannes 12,24, welcher auch in seinem letzten Buch «die Brüder Karamasow» vorangestellt ist:

 

«Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt ,

bleibt es allein; wenn es aber stirbt,

bringt es viel Frucht.»

Dostojewski wusste um seine Fehler.

Er war ein Beter. Ein Freund, Stepan Janowski schreibt über ihn:

«Dostojewskis wirksamste Medizin gegen Krankheiten der Seele war immer das Gebet, und er betete nicht nur für unschuldige, sondern auch für offenkundige Sünder.»

 

Als er wegen Unvorsichtigkeiten seines Herausgebers für ein paar Tage im Gefängnis war, schreibt der Gefängniswärter:

 

«Er betete jeden Abend vor dem Schlafengehen, stand lange Zeit in einer dunklen Ecke, die Hände auf der Brust gekreuzt.

Nachdem er sein Gebet beendet hatte, ging er auf die Knie,

nahm ein Kreuz von seinem Hals und küsste es, und dann, ohne wein Wort zu sagen, ging er zu Bett.» (K. I. Karepin) (S. 506)

 

«Der Geist des wahren Christentums ist: vollständige Glaubensfreiheit. Glaube freiwillig! ­ Das ist unsere Formel. Der Heiland stieg nicht vom Kreuz herab, gerade weil er uns nicht gewaltsam durch ein äusseres Wunder bekehren wollte, sondern weil er eben die Glaubensfreiheit wollte.» (S. 503)

 

«Das Wesen des religiösen Gefühls wird weder durch vernunftmässige Überlegungen noch durch Vergehen und Verbrechen, noch durch atheistische Anschauungen berührt; es ist etwas Andersartiges und wird in alle Ewigkeit etwas Andersartiges sein; die Lehren des Atheismus werden in alle Ewigkeit davon abgleiten und in alle Ewigkeit daran vorbeireden.» (aus der «Idiot) (S. 503)

 

«Ohne Jesus gibt es nur das Nichts.» (aus Notizen zu «Die Brüder Karamasow) (S. 502)

 

«Die Hölle ist der Schmerz darüber, dass man nicht mehr lieben kann.» (aus «Die Brüder Karamasow)

 

Da er nach der Wahrheit sucht, kritisiert er auch alles. Er sieht den Protestantismus auf dem Weg in den Atheismus. Den römischen Katholizismus wie den Sozialismus als

 

Er geht auch zu einer Predigt eines Erweckungspredigers. Hier verstehe ich ihn nicht: Warum hat er nicht einfach Freude an den Veränderungen der Menschen? Er sieht darin vor allem die Schwächen der Grosskirchen: Orthodoxen Kirche, Anglikanischen Kirche usw. Er hat Angst vor der Vielfalt der Kirchen und vor dem Individualismus. Letzteres ist sicherlich berechtigt. Aber wenn verschiedene Kirchen in Christus sind, finde ich das kein Problem. Im Gegenteil, denn auch Grosskirchen bestehen aus verschiedenen Strömungen. Wichtig ist nur, dass wir in Christus sind und damit auch in seiner Liebe, die auch für Dostojewski so wichtig war und sicherlich ist (Gegenwart, da Dostojewski an die Auferstehung in Christus glaubte! und dies durch die Gnade Gottes erleben wird.)

 

So kritisiert er:

 

«Sie haben ihre Wissenschaft, doch in der Wissenschaft ist nur das enthalten, was den Sinnen unterworfen ist. Die geistige Welt aber, die höhere Hälfte des menschlichen Wesens, wird vollständig negiert und mit einem gewissen Triumph, ja sogar mit Hass zurückgewiesen. Die Welt hat die Freiheit verkündet, besonders in der letzten Zeit – und was sehen wir als Resultat dieser ihrer Freiheit? Nur Knechtschaft und Selbstmord! Denn die Welt sagt: ‘Du hast Bedürfnisse, darum befriedige sie; du besitzt dasselbe Recht wie die Vornehmsten und Reichsten! Scheue dich nicht, sie zu befriedigen, sondern steigere sie sogar noch!’ Das ist die heutige Lehre der Welt. Darin sehen sie die Freiheit. Und was ist die Folge dieses Rechts auf Steigerung der Bedürfnisse? Bei den reichen Isolierung und geistiger Selbstmord, und bei den Armen Neid und Mord. Denn das Recht haben sie ihnen zwar gegeben, doch die Mittel zur Befriedigung der Bedürfnisse haben sie ihnen nicht gewiesen. Sie versichern, die Welt werde sich immer mehr einigen, sich zu einer brüderlichen Gemeinschaft zusammenschliessen, indem sie die Entfernungen verkürzt und die Gedanken durch die Luft übermitteln. O weh, glaubt nicht an eine solche Einigung der Menschen! Dadurch, dass sie unter Freiheit nur Steigerung und schnelle Befriedigung ihrer Bedürfnisse verstehen, verderben sie ihre Natur, weil sie in sich viele sinnlose, dumme Wünsche und Gewohnheiten und törichte Einfälle wecken. Sie leben nur, um einander zu beneiden und ihre Lüste und ihre Eitelkeit zu befriedigen. Diners, Spazierfahrten … hoher Rang und knechtische Untergebene: Diese Dinge gelten bereits als so notwendige Bedürfnis, dass sie sogar ihr Leben, ihre Ehre und ihre Menschenliebe opfern, um …

… Und daher erlischt in der Welt mehr und mehr die Idee, der Menschheit zu dienen, die Idee der Verbrüderung und Solidarität aller Menschen. Diese Idee wird tatsächlich bereits verhöhnt …

» (Seite 478+479)  (aus die Brüder Karamasow)


Freitag, 1. April 2022

Gott ist nicht tot 4 Wir sind das Volk


 
Der Titel klang für mich zuerst merkwürdig. 

"Wir sind das Volk." klingt sehr politisch. Und tatsächlich trägt der Film eine politische Botschaft. Es geht um das Thema Freiheit aus der Sicht der USA. Als Schweizer wirkte es auf mich, wie wenn ich in eine andere Familie hineinschauen darf. Ein anderes Volk/eine andere Familie, wozu ich nicht gehöre und doch gehören wir zum gleichen Westen.

Dieser Film nun zeigt ganz einfach auf, was geschieht, wenn wir uns als ehrliche Christen nicht mehr in die Politik und als Diener im öffentlichen Leben einsetzen. In einem kurzen Satz spricht ein christlicher Abgeordneter dieses Thema an: Und dann sind wir überrascht, wenn die christlichen Anliegen nicht mehr verstanden werden.

Übrigens: Ich glaube nicht, dass die Politik automatisch besser wird, wenn wir Christen in der Meinungsfindung mitmischen oder wenn wir Politik machen. Denn auch hier gilt: Seit dem Sündenfall pervertieren wir das Gute. Und leider können wir Christen, auch als Wiedergeborene, das genauso gut, wie alle anderen. ABER es gehört zum Salz sein, dass wir unsere Pflicht wahrnehmen und im Bewusstsein unseres eigenen Unvermögens unsere Pflicht tun wollen. Dazu gehört auch, dass jene, die von Gott dazu begabt und berufen sind, auch ihre Gaben zur Ehre Gottes und dem Dienst der Nächsten einsetzt. Dazu gehört auch, dass der eine Polizist wird, der andere Politiker, einer wird Einsiedler, der andere Rechtsgelehrte, die andere Lehrerin, wieder jemand Geschäftsführerin, Strassenreiniger, Steuerbeamtin usw. Zudem ist man in der Schweiz, wie auch in den USA, als Bürger auch immer Politiker. Ich weiss, dass es Theologien gibt, die sehen das anders. Die traditionelle täuferische Theologie will sich ähnlich wie im Mittelalter das Mönchtum aus der Welt zurückziehen, um ein heiligeres Leben führen zu können. Damals, im Mittelalter hatte man begonnen, die absolut guten Forderungen des Neuen Testaments so umzusetzen, dass man meinte, man könne als Christ entweder in der Welt oder eben in einer heiligeren abgesonderten Weise leben. Die Täufer nun begriffen, wie alle Reformatoren, dass diese Trennung nicht ganz biblisch ist. Während aber reformierte Theologen die Heiligung in dieser Welt betonten, zogen sich die Täufer in den Kreis der Heiligen zurück. Traditionelle Baptisten wie ein Spurgeon gehören interessanterweise in dieser Frage zu den reformierten Theologen und unterscheiden sich - trotzdem, dass sie keine Kleinkinder taufen - von den traditionellen Täufern. (Mich dünkt es, dass in der Schweiz diese zwei Positionen: Täufer und Baptisten durchmischt sind.) Dadurch zogen sich die traditionellen Täufer schon immer von der Gesellschafft zurück. Heute aber tun dies sehr viele. Ich glaube, das liegt auch am Dispensationalismus. Dies wird in diesem Film nicht thematisiert. (Zudem betonte Luther einen Bereich der Kirche und einen Bereich des Staates, was mich ans Mittelalter erinnert. Aber sicherlich auch heute noch angebracht ist.)

Was aber im Film thematisiert wird, ist, dass die jüdisch-christlichen Grundlagen und im konkreten Fall in den USA, die puritanischen (= aus England stammend) und schottischen Presbyterianischen (= christlich parlamentarische Grundlage, keine Episkopal-Kirche, sondern Leitung durch Älteste, Parlament und Volksentscheide), also beide traditionellen reformierten Grundlagen gerne "vergessen" werden. Oder im konkreten Fall sogar bewusst umgedeutet werden. Das erinnert an die DDR, wo schon Theo Lehmann kritisierte, dass die Kinder nicht dem Staat gehören. Und genau dieses Problem wird auch hier angesprochen. 

Dies alles wird im Film beim Thema Home-Schooling behandelt. Wer darf die Kinder wie bilden und erziehen?

Zuerst scheint der Kampf nur zwischen säkularisierten politischen Bewegungen und frommen Kreisen stattzufinden. Dann aber bemerkt der Referent, welcher in Washington DC sprechen darf, dass ja 75% des Homeschooling gar nicht von Christen genutzt wird.  Es gibt noch einige andere Gründe, um die Kinder zu Hause schulen zu wollen: Schlechte öffentliche Schulen. Gewalt an den Schulden. Ideologische Gründe.

Die Antworten des Zwangs zur staatlichen Schule ist, dass eine gute Ausbildung jedem Kind zur Verfügung gestellt werden muss. Daher müsse die verfassungsmässige Freiheit der USA in diesem Punkt zum Wohle der Kinder eingeschränkt werden. Und tatsächlich, wo kämen wir da hin, wenn jeder einfach seine Kinder das lehren und glauben lassen wollte, was er wollte? Das Problem ist aber, dass zur Freiheit genau das gehört: Es gehört die Freiheit, seinen Glauben frei ausleben zu dürfen. Und es gehört auch die Freiheit, seinen Glauben und seine Überzeugung wechseln zu dürfen. Ja, es gehört auch dazu, dass man im Leben etwas lernen und sich verändern darf. Natürlich beinhaltet die Freiheit auch, Verantwortung zu übernehmen. Es braucht reife und Disziplin sowie Barmherzigkeit mit der Freiheit weise umgehen zu können. Gerade die Unreife, die Verantwortungslosigkeit führt ja auch zum Ruf nach mehr Kontrolle und damit zu weniger Freiheit. (Dieser Aspekt wird leider im Film nicht behandelt.) Aber es wird betont, dass der Staat sehr wohl prüfen muss, ob die Kinder auch genügend zu Hause lernen. ABER wenn diese Kontrolle zu einer ideologischen Überwachung wird, muss dies in einem liberalen Staat kategorisch abgelehnt werden. Da im Film die Gegner des Homeschooling generell das Homeschooling verbieten wollen, obwohl die angeklagten Homeschooling offensichtlich die bessere Qualität als an öffentlichen Schulen erreichen, zeigt, dass es eben nicht um die gute Ausbildung der Kinder geht, sondern die Durchsetzung einer ideologischen  Agenda! 

Leider leben wir im Westen nicht nur in einer säkularisierten Welt, sondern immer mehr auch in einen Westen, der nicht mehr an die Wahrheit glauben will. Man glaubt in der Relativierung der Normen liege unsere Freiheit. Ich glaube, dass dahinter die Idee liegt, dass wir selber der Massstab sein wollen. Und das bedeutet, wir wollen selber Gott sein. Und das führt nicht in die grosse Freiheit, sondern in die Unfreiheit auf allen Gebieten des Lebens: im persönlichen, in der politischen, in der Kunst usw. Warum? Der Dreieinige Gott ist das absolut Gute. Sein Gebot der Nächstenliebe beruht darauf, dass wir zuerst Gott lieben und dann zugleich den Nächsten. Die zehn Gebote sind so aufgebaut usw. Es mag ein politischer Segen sein, dass in einer säkularisierten Form auch Nichtchristen an den Segnungen biblischer Freiheiten teilnehmen können. Aber wenn diese Freiheit, dieser Liberalismus nicht immer wieder vom wahren Salz gesalzen wird, verliert die Freiheit ihr Orientierung. Denn der Liberalismus - nach meiner Meinung - eine säkularisierte Form der traditionellen reformierten Theologie, wurde durch die Säkularisierung auch etwas unlogisch. Man beachte hierzu nur den Liberalismus eines John Locke. Ohne die ständige Herausforderung durch das Evangelium wird sich die Freiheit in sich verlieren. Das merkt man an den Auswüchsen eines Neoliberalismus wie auch an deren Korrekturversuchen. Anstelle Realismus macht sich Idealismus breit, der regelmässig in den Perfektionismus führt. Und da wir alle aus uns selber nur Sünder sind, wird dieser Idealismus zu einem grossen Gefängnis. Man schaue sich nur unsere Geschichte an. Der Kommunismus als säkularisierter Postmillennialismus führte nicht zu einem Arbeiterparadies. Sie konnten den Himmel auf Erden nicht selber erschaffen, weil wir Sünder sind und dazu neigen, dass von Gott geschaffene Gute zu pervertieren. Und ja, das können auch echte Christen. Man schaue sich nur mal das "Heilige" Parlament zur Zeit Cromwells in England an. Sie schafften es nicht einmal eine Verfassung für ihre Republik zu schaffen. Dennoch sollte dann in der glorreichen Revolution doch der Absolutismus vernünftig gebannt werden, indem der König vom Parlament kontrolliert wurde. Letztendlich führten diese Entwicklung in den USA zu einer Nation unter Gott, wo Kirche und Staat getrennt waren, damit die politische, wirtschaftliche und religiöse Freiheit in einer zutiefst puritanisch geprägten Gesellschaft gewahrt werden konnten. Jefferson erklärte einem Baptisten, warum er den Staat und die Kirche trennen wollte: Damit die Kirche nicht politisch instrumentalisiert wird. Das war übrigens schon das Anliege von Calvin. Darum plädierte er wie auch Leo Jud in Zürich für eine gewisse Trennung zwischen Kirche und Staat. In Zürich trat Heinrich Bullinger für eine enge Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat ein. Er war für die Staatskirche und stritt darum mit Leo Jud. Das machten sie auch von der Kanzel aus. Aber auch Bullinger trat für die Freiheit der Predigt ein. Und er war lange Zeit ein Symbol für die Pressefreiheit in der Schweiz.

Gerade nach Corona wurde meine christlich-humanistische Prägung sehr hinterfragt. Dank der Bibel und der traditionellen reformierten Theologie wusste ich zwar, dass der Humanismus (leider) nicht als Brücke über alle Probleme tragen kann. Übrigens auch Huldrych Zwingli erlebte das. Darum wurde für ihn Erasmus von Rotterdam (= christlicher Humanist) immer weniger wichtig, dafür die Bibel immer wichtiger. Nach Corona kann ich sagen, dass ich Martin Luther besser verstehe, wenn er meinte, dass der Verstand eine Hure ist. Trotzdem halte ich daran fest: Der Verstand ist wie ein Werkzeug und man kann ihn produktiv einsetzen - oder aber auch nur um sich selber zu betrügen. Gerade diese Woche hörte ich einen Journalisten sagen, dass der Glaube an Gott nur eine Projektion ist. Die Absolutheit dieser Aussage ist natürlich nicht wahr. Denn es gibt den dreieinigen Gott. ABER es ist auch wahr, dass wir gerne das gute pervertieren. Und dazu gehört leider auch, dass wir uns Gott so machen wollen, wie wir ihn haben wollen. Das kommt daher, dass wir auch die Wahrheit gerne an unsere Ideen anpassen wollen. Nur die Realität ist Realität. Und die Weisheit beginnt, indem man Gottes Furch hat. Dazu gehört auch, die Selbsterkenntnis. Oder wie Psychologen sagen würden: Selbstreflektion. Was sind meine wahren Motive? Für was mache ich was? Für was will ich was glauben? Und seit dem Sündenfall gehört dazu auch, die Sündenerkenntnis. Und hoffentlich die glückliche Erfahrung, dass Jesus Christus für die aktuellen, vergangen und zukünftigen Sünden gestorben ist. Auf dieser Grundlage sollte es möglich sein, ehrlich zu sich zu sein. Aber gerade bei Corona erlebte ich, wie selbst studerte und ehrliche Christen die Massnahmen gegen die Pandemie nur als Mittel der Bekämpfung unserer Freiheit sahen. Aber wir müssen einsehen, dass es Momente gibt, indem wir unsere Freiheit auch einschränken müssen. Als Christ müsste man das wissen: Aus Liebe zu meinem Nächsten verzichte ich auch auf meine Freiheiten. Paulus spricht im Neuen Testament zum Beispiel davon, dass mir als Christ alles erlaubt ist, aber nicht alles ist ... Zudem darf ich alles Fleisch essen, aber wenn jemand dadurch in Gewissensbissen gestürzt wird, dann verzichte ich darauf. Wegen meinem eigenen Gewissen oder auch um einem anderen zu helfen. 

Und gerade diese Erkenntnis fehlt während Corona. Es ging noch weiter. Auch eine Unvernunft und Irrationalität war offensichtlich. Liebe Geschwister im Glauben verirrten sich in einer Blase. Allerdings, was dadurch deutlich wurde: Bei gewissen Menschen - und das nicht nur bei Christen - gibt es im Westen ein tiefes Misstrauen gegen unseren Staat und unsere Medien. Und das wiederum müssten uns alle erschrecken. Dieser Film zeigt einen Teil der Problematik auf: Wenn unsere Institutionen und Medien nicht mehr der Wahrheit verpflichtet sind, sondern nur noch Zweckethik vorantreiben, dann verlieren sie automatisch das Vertrauen. Lügen kann man, um ein Ziel zu erreichen. Aber man verliert längerfristig seine Glaubwürdigkeit, weil Lügen kurze Beine haben. Zudem glaube ich, dass mit dem Verlust des Willens die Wahrheit zu suchen, auch Tür und Tor für Manipulation geöffnet wird. Tragisch ist natürlich, wenn wie in Zeiten von Corona die offiziellen Medien kategorisch abgelehnt werden und zugleich anderen Quellen bedingungslos geglaubt werden, als ob durch die alternativen Berichterstattungen Gott selber sprechen würde. Weisheit wäre auch zu erkennen, dass Naturwissenschaft keine absolute Wahrheit ist, sondern ein ständiges Suchen nach der Wahrheit ist. Und nur mit diesem Verständnis wird die Naturwissenschaft auch seine Flexibilität erhalten, um ohne Ideologie effektiv mehr von der Wahrheit erkennen zu können. Und ich verrate ein Geheimnis: In der Reformationszeit vor 500 Jahren wurde die alte jüdisch-christliche Wahrheit wieder hervorgeholt, dass man in der Bibel den lebendigen Gott erkennen kann und in der Naturwissenschaft seine Schöpfung. Ja man kann in diesem Sinne sogar ein Teil des Sündenfalls heilen, indem Wissenschaft, Medizin usw. zur Ehre Gottes und zum Wohle aller Menschen eingesetzt wird. Aber man kann natürlich wie alles andere Gute von Gott, damit auch das Gute pervertieren, was ja seit dem Sündenfall unser Problem ist.

Was mich auch erstaunte: Der Vereinfachung der Probleme. Man erklärt einfach die Welt, den Staat und einfach die anderen zum Problem. Man sieht nicht, dass man auch selber ein Problem in dieser Welt ist.

Wie war das früher bei einer Pandemie? Man rief zur Busse auf. Man nahm eine Pandemie wie auch eine Hungersnot als gute Motivation für etwas, was man sowieso täglich tun sollte:

Zurück zur Gnade in Christus. Alles von ihm erwarten. Ehrlich seine Sünden Gott bekennen, damit man wirklich frei wird. Damit man im Segen und nicht mehr unter dem Fluch leben muss. Darum gibt es bis heute in der Schweiz den eidgenössischen Buss- und Bettag. 

Aber genau das hörte man von uns Christen in dieser Zeit nicht! Im Gegenteil: Einige stimmten in die (selbstgerechte) Verklagung der anderen, des Staates usw. ein. Dabei war der Staat und die Wissenschaft mit Corona ganz einfach überfordert und haben unsere Gebete gebraucht.

Dieses Problem wird in diesem Film nicht thematisiert. Aber erklärt auch, warum es ein Misstrauen gegen gewisse Entwicklungen haben kann. Persönlich finde ich gewisse Entwicklungen, wie die genannten im Covid, sogar kontraproduktiv: Sie lenken uns von den eigentlichen Problemen ab. Das wird am deutlichsten, wenn wir gegen Menschen anstelle gegen die geistlichen Mächte hinter den Menschen kämpfen. Man merkt es auch, wenn anstelle Feindesliebe Hass gegen Andersdenkende herrscht. Übrigens auch im Krieg: Wer hasst Putin und wer betet für ihn? Die Frau von Herrn Schröder wagte sich als Beterin in Moskau zu zeigen und sie wurde massiv angegriffen. Natürlich weiss ich nicht, ob sie eine Heuchlerin ist (Das wurde ihr vorgeworfen). Aber ich bin ja nicht Gott und sehe nicht in ihr Herz. Auf jeden Fall finde ich es ein guter Ansatz, Gott zu bitten, einzugreifen. Auf jeden Fall möchte ich betonen: In einem Krieg kämpfe ich nicht in erster Linie gegen das Böse, sondern gegen andere gleichwertige Menschen. Normalerweise haben beide Kriegsparteien ihre Gründe. Und sicherlich sind beide Egoisten. Und auch wenn die eine Seite offensichtlich moralisch schlechter dasteht, kämpfe ich selbst im Krieg nicht  gegen das Böse, sondern nur gegen andere Menschen. Gegen das Böse kämpfe ich in meinem Herzen. Und in einem Krieg kann ich höchstens zu einem Helden werden, aber nie zu einem Heiligen. Ein Märtyrer, zumindest ein wirklich christlicher Märtyrer, stirbt gewaltlos für die Wahrheit! Dieser Unterschied ist wesentlich, dass wir uns nicht selber übermoralisieren / ideologisieren oder religiös überhöhen.

Der Film ist spannend aufgebaut. Auf der CD-Hülle wird folgendes Zitat erwähnt:

"Das nenne ich ein Meisterwerk. Das ist der mit Abstand beste Film der Serie. Jedes kleinste Stückchen ist einfach perfekt ausgeführt. David A. R. White meistert seine Rolle wieder einmal perfekt." Meine Frau findet eher, dass er in diesem Film viel besser Spielt als in den Vorangehenden. Er ist hineingewachsen.

Wie sieht die Situation in der Schweiz aus: je nach Kanton ist es anders. Gerade kürzlich erzählte mir jemand, wie sie eine freiheitliche Schule aufgebaut haben. Vermutlich war sie keine Christin. Sie beeindruckte mich, wie sie auf eine andere Art und immer im Zusammenhang die Kinder schult. Und bekanntlich sind gerade Privatschulen in der Schweiz sehr erfolgreich und auch für heute bekannte Persönlichkeiten auf der ganzen Welt interessant. 

Vor längerer Zeit traf ich sogar eine Familie, die hat wegen dem Homeschooling sogar den Kanton gewechselt. Denn was in einem Kanton nicht möglich war, war in einem freiheitlicheren möglich. Interessant.

"... Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird Euch frei machen." Jesus Christus (s. Johannes 8,32)