Samstag, 16. November 2013

9. November 1989 Ein Wunder Gottes - im Gespräch mit Erich Honecker

Herr Uwe Holmer war Pastor in der ehemaligen DDR. Ich vermute, er hätte einiges über diese Zeit zu schreiben und hat es wohl auch. Im Idea Spektrum auf Seite 31 schreibt er unter dem Titel "Der 9. November 1989 ist ein Wunder Gottes", weil Deutschland 1949 in zwei Staaten geteilt wurde. Und genau 40 Jahre später, 1989 wurden sie wiedervereint. 

In der Heilgeschichte Gottes sind 40 Jahre eine Periode der Demütigung, der Läuterung und der  Besinnung. Er schreibt: "Offenbar hat Gott unserm Volk dies auferlegt wegen all der Verbrechen im 3. Reich." Dies sagte er auch Erich Honecker, der darauf meinte: "Na ja, wenn Sie das so meinen..."

Erich Honecker war bis 1989 Erster Sekretär, bzw. Generalsekretär des Zentralkomitees der SED* und damit der mächtigste Politiker in der DDR. Als die Mauer fiel, gab es einen Moment, wo sich dies alles in Nichts auflöste. Damit hat Erich Honecker in seinem Leben die verschiedensten Tiefen und Höhen erlebt. Ein anderer Tiefpunkt in seinem Leben war in der Zeit des Dritten Reiches. Dazu schreibt Wickipedia: "Vor dem Zweiten Weltkrieg war Honecker hauptamtlicher Funktionär der KPD und wurde in der Zeit des Nationalsozialismus zu einer zehnjährigen Zuchthausstrafe verurteilt."
Später - mit seiner grossen Macht in der DDR - hat er mit seiner kommunistischen Ueberzeugung ideologisch Dinge begründet, die nicht gut waren:
- eine gelenkte Demokratie (damit schuf er, ohne dass er sich dessen wohl bewusst war, für  
  selbständig denkende Menschen ein Klima des "Blues")
- die Errichtung der Mauer und der damit zusammenhängenden Tötung von Menschen


Mit der Auflösung der DDR verlor Honecker viel: Er stand vor dem Nichts. Sein Lebenswerk hatte sich vor seinen Augen aufgelöst. Alle Träume sind zerbrochen. Zerbrochen an der Zeitgeschichte, die Gott lenkt. Bevor man sich für ihn wieder interessierte und ihn vor Gericht stellte, stand Honecker mit seiner Ehefrau alleine da. Damals nahm ihn dieser Pastor Uwe Holmer auf und gewährte ihm Asyl. Dafür wurde Holmer angegriffen. Es gab Opfer von Honecker, die dies nicht verstehen konnten. Menschlich ist dies gut zu verstehen. Aber wie sollte man als Christ anders handeln? Jesus verlangt von uns Nächstenliebe, ja auch Feindes Liebe. Als Christen ist unser Amt nicht der des Satans (Satan bedeutet der Ankläger), sondern wir sollen für die Menschen und ihr Heil eintreten. Und zwar weil wir, wenn wir einen Bund mit Jesus geschlossen haben - geistlich gesehen - nicht mehr zum Ankläger, sondern zu Jesus Christus dem Verteidiger vor dem Gericht Gottes stehen. Und wenn wir es genau betrachten, und das kann der Heilige Geist schenken, dann steckt auch in uns Christen ein Abgrund, der schlimmeres als Honecker tun könnte. Natürlich würden wir dies nie ausleben. Wie es auch Nichtchristen nicht ausleben. Denn wir würden ja mit dem Ausleben unserer Bösartigkeit unser gutes Bild über uns selber zerstören. ABER, wehe wenn wir einen Grund finden, die Bösartigkeit als "Gerechtigkeit" auszuleben... Jedes Mobbing funktioniert so. Und Honecker ist sicherlich in diese Falle getreten. Dabei vernebelte seine gut gemeinte Ideologie seinen Blick und schaffte ihm scheinbare Argumente, die ihm den Blick auf die Wahrheit vernebelte. Ich höre ihn noch im Fernsehen sagen: „Unser wissenschaftlicher Sozialismus.“ Er glaubte, Menschen können aus eigener Kraft ein jüdisch-christlicher Himmel ohne Gott hier auf Erden schaffen. Eine fantastische Idee, die viele Menschen in ihren Bann zog. Aber die Realität der Sünde in uns, wird eine solche Idee zwangsläufig in die Irre führen. Selbst Christen können dieser Gefahr verfallen. Darum mahnt die Bibel auch immer wieder in Christus zu sein, damit Christus durch uns wirken kann und nicht unsere alte Natur, das heisst: nicht unsere menschlichen Möglichkeiten. Als Christen werden wir, wenn Jesus wiederkommt oder wenn wir sterben, verherrlicht. Aber solange dies nicht geschehen ist, leben wir in dieser Zwischenzeit: Gerecht und Sünder zugleich. In Christus haben wir immer alles. Ohne ihn haben wir Nichts.

Wer dies begriffen hat, weiss, wie gross die Liebe Gottes zu uns ist. Denn dafür musste Jesus ans Kreuz, damit er diese Schuld tragen konnte. Wir, ich, könnte diese Schuld nie tragen. So ist sie aber erledigt. Wer dies erlebt hat, sollte etwas barmherziger mit anderen Menschen werden. Sogar mit einem Honecker, der in diesem Sinne im gleichen Boot mit uns sitzt. Ich weiss nicht, ob Honecker diese wunderbare Botschaft verstanden hat. Vermutlich nicht. Auf jeden Fall gab ihm Gott - nicht zuletzt durch Herrn Pastor Uwe Homer - genügend Gelegenheit dies zu erkennen. Aber auch hier müssen wir wieder aufpassen: Unsere Dunkelheit in unserem Herzen will sich doch schon wieder über Honecker erheben, wenn ich dies sage. Denken Sie nicht, dass Honecker schlechter sein muss, als Sie selber, weil er es sich nicht für Jesus entschieden hat? Wenn sie das bejahen, beweisen Sie, dass Sie hochmütig sind. Und das wiederum kommt von der Perversion des Guten in Ihrem Herzen. Es ist eine Zielverfehlung, was die Bibel Sünde nennt. Wären Sie wirklich Gut, wie es Gott definiert hat, dann würde ihnen Honecker leidtun und solange er lebte, hätten sie für ihn vor Gott gebetet, dass er das Wunder des Evangeliums verstehen könnte. Tatsächlich "erfreuen" Sie sich an der Situation, dass jemand verloren geht. Wenn man zudem bedenkt, dass Sie selber so blind waren, wie ich übrigens auch, dass Sie nie aus eigener Kraft den Willen für die Entscheidung für Jesus Christus fällen hätten können, wird die Sache noch klarer: Auch wenn wir subjektiv glauben, uns frei für Jesus entschieden zu haben - und in einem gewissen Sinne haben wir das ja auch - hat doch vorher Gott uns die Augen geöffnet und uns das Verlangen und den Willen für ihn geben müssen. Hier sehen wir, wie Total die Gnade Gottes uns errettet hat. Nichts aber auch gar nichts können wir für unser Heil tun, alles ist ein Geschenk Gottes. Das sollten genügend Gründe sein, vernunftmässig barmherzig mit anderen Menschen umzugehen, auch mit Honecker. Für Opfer von Honecker ist es natürlich um einiges schwieriger. Hier kann ich nur sagen, dass die Bibel den Opfern zuspricht, dass Sie unveräusserliche Rechte haben, die dieses Regime verletzt hat. Und Gott ist ein gerechter Gott, spätestens nach ihrem Tod werden die Täter vor Gott dafür gerichtet, wenn sie nicht schon auf dieser Erde an ihrem eigenen Unrecht leiden. Die Psalmen empfehlen auf das Ende der Gottlosen zu sehen. Sie mögen blühen und übermächtig erscheinen, aber schaut auf ihr Ende. Und wenn sie nicht Busse über ihre Böse Taten tun, werden ihre Taten auf ihren Kopf zurückfallen.. Gott ist kein toter Gott. Er wird Gerechtigkeit walten lassen. Im Alten Testament - und dann später auch im Neuen Testament wird dazu gesagt, dass wir uns nicht selber rächen sollen. Wir sollen die Rache Gott überlassen. Und wir sollten unseren Feinden Gutes tun, damit feurige Kohlen auf ihrem Haupt kommen. Natürlich soll der Staat schon hier und heute mit unserer unvollkommenen menschlichen Gerechtigkeit, Gerechtigkeit wirken (Aber immer im Bewusstsein unserer menschlichen Beschränkung, die nie göttliche Gerechtigkeit sein wird. Das muss Gott machen. Zwingli hat dies in seinem Buch über menschliche und göttliche Gerechtigkeit gut ausformuliert.) Und vielleicht, wenn ein Opfer selber die überschwängliche Gnade Gottes erlebt hat, kann auch er, so wie Gott ihm vergeben hat, seinem Täter vergeben. Dies ist ein schmerzhaftes Opfer - ich weiss das. Ich weiss aber auch, dass Gott ein solches Opfer segnen wird. Er wird u.a. die fesselnde Bindung des Opfers zu seinem Täter lösen. Es wird Verbitterung in Frieden und Freiheit ändern.

Zurück aber zu Pastor Uwe Holmer. Er schreibt also, dass Gott den Deutschen eine 40-jährige Zeit der Demütigung, der Läuterung und der Besinnung gegeben hat. Wenn dies wahr ist, bedeutet dies, dass Gott Deutschland liebt. Hoffen wir, dass die Deutschen das nicht vergessen werden. Es ist ein Gebet von mir, dass wir Schweizer  ebenfalls nicht vergessen, dass uns Gott liebt und uns für unser Verhalten zur Verantwortung ziehen wird. Auch für die Amerikaner, welche heute die mächtigste Macht darstellen, sollten wir beten. Wir müssen darum beten, weil man sehr klar an der Geschichte Deutschland erkennt, wie ein kulturell und wissenschaftlich hochstehendes Land tief fallen kann, wenn es den Dreieinigen Gott vergisst und sich an einen Götzen hängt.

Im Gegensatz zu Korea konnte sich Deutschland wieder vereinen. Pastor Uwe Holmer erinnert daran, wenn er an die "merkwürdigen" Zufälle erinnert, die dazu führten:

"Vor 1989 stand der Ostblock bombenfest. Uns war klar: Ein Krieg kann ihn nicht zerstören - es sei denn, es wird zugleich die Welt zerstört. Dann zerbrach der mächtige Koloss - völlig unerwartet, meist friedlich und überraschend simpel -durch Gottes Weltpolitik, die wir erst hinterher als solche erkannten: Honecker wurde krank, die Regierung geriet ins Schlingern. In der Sowjetunion war ein Mann an der Macht, der sich Glasnost verpflichtet fühlte. In Berlin trat ein Politbüro-Mitglied vor die Mikrofone, der nicht recht wusste, was er sagen sollte. Und dann war da noch Bundeskanzler Kohl, der die Gunst der Stunde erkannte. Nicht Honecker, Gorbi, Schabowski und Kohl als Einzelne, sondern das Zusammenspiel aller zur rechten Zeit hat die Mauer fallen lassen. Wer das Ganze arrangiert hat? Ganz gewiss der, auf den Kohl oft hinwies, wenn er seine Reden in manch unwilliges Gesicht hinein mit den Worten schloss: "Gott segne unser deutsches Vaterland."

16.11.13



* aus Wickipedia

Hier noch die erwähnten Bibelzitate:
 
„Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brot; dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser! Denn damit sammelst du feurige Kohlen auf sein Haupt , und der HERR wird dir’s vergelten.“
Sprüche 25, 21+22
„Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Seid auf das bedacht, was in den Augen aller Menschen gut ist. Ist es möglich, soviel an euch liegt, so haltet mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn (Gottes); denn es steht geschrieben: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“
Wenn nun dienen Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn! Wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute!“
Römerbrief 12,16 - 21


* aus Wicipedia
„Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brot; dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser! Denn damit sammelst du feurige Kohlen auf sein Haupt , und der HERR wird dir’s vergelten.“
Sprüche 25, 21+22
„Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Seid auf das bedacht, was in den Augen aller Menschen gut ist. Ist es möglich, soviel an euch liegt, so haltet mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn (Gottes); denn es steht geschrieben: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“
Wenn nun dienen Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn! Wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute!“
Römerbrief 12,16 - 21

Samstag, 19. Oktober 2013

Theo Lehmann Freiheit wird dann sein "Aus meinem Leben"



Theo Lehmann
Freiheit wird dann sein   Aus seinem Leben
 
Uebersicht:

  1. Totalitäre Systeme
  2. Lehmann: Bis heute Jugendevangelist
  3. DDR und Lehmann
  4. Blues, Jazz und Negrospirituals
  5. Gottesdienste in Karl-Marx-Stadt
  6. Evangelisation und Lieder
  7. Lehmann als Theologe
  8. Widmung
Anhang 1: Wer Gott folgt riskiert seine Träume
Anhang 2: „In dem Leben, das man führt,
da ist vieles, was Gott stört.“

(Zum Thema DDR passt auch "Johnnes Sebastian Bach auf meinem Blog: Filmund.blogspot.ch)

1. Totalitäre Systeme
Theo Lehmann erzählt autobiographisch, wie er totalitäre Systeme erlebt hat. Als kleiner Bub singt er harmlos ein altes Kirchenlied. Er schreibt auf Seite 13:

„Jedenfalls krähte ich mit voller Lautstärke die Gesangbuchstrophe:
‚Bist du doch nicht Regente, der alles führen soll. Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.‘
Dies in der Küche durch das offene Fenster vernehmend, kam meine Mutter wie von der Tarantel gestochen raus in den Garten und befahl mitatemlos und im strengsten Ton, den Mund zu haltend und dieses Lied nicht zu singen. Ich begriff überhaupt nicht, was ich Tadelnswertes getan haben sollte. Ich hörte immer nur: ‚Wenn das die Nachbarn hören!‘ Die waren zum Teil Nazis. Wie sollte ich Knirps auch verstehen, dass die etwa denken könnten, mit der ersten Zeile sei der Führer gemeint und dass somit das von einem Winzling gezwitscherte Gesangbuchliedchen in Wirklichkeit ein Angriff auf den Staat war? Jedenfalls war das Klima der Angst damals in Deutschland so, dass Frau Pfarrer ihrem Söhnchen das Geträller solcher Gesangbuchlieder verbieten musste. Wenn ich auch die Zusammenhänge nicht begriff, so war das das erste Mal, dass ich etwas von der unheimlichen Macht der Diktatur und der Angst vor ihren Vertretern zu spüren bekam. Es war das erste Mal, dass diese Macht für mich spürbar in mein paradiesisches Kinderleben einwirkte.“
2. Lehmann bis heute Jugendevangelist
Lehmann hat eine wohltuend frische Art zu reden und zu predigen. In diesem Buch klingt dies manchmal gar nicht „fromm“, aber sehr ehrlich und wohl im eigentliche Sinn des Wortes fromm. Ich durfte ihn einmal auf dem Beatenberg predigen hören. Ich habe wohl noch nie so viel in einer Predigt gelacht. Er hat mit seinem Humor, der zuweilen auch mal etwas sarkastisch sein kann, viel Schweres verarbeitet. Es erstaunt nicht, dass er bis heute ein Jugendevangelist geblieben ist.
3. DDR und Lehmann
Er war als lutherischer Pfarrer in der DDR, also dem ehemaligen kommunistischen Ostdeutschland als Evangelist eingesetzt. Die Stasi, der damalige Geheimdienst führte ihn in den Akten als die „Spinne“. Einer der wichtigsten Informanten für die Stasi war einer seiner besten Freunde, der während eines Gefängnis Aufenthaltes „umgedreht“ worden war. Die Frau dieses Freundes war die Informantin für die Frau von Lehmann.
Auf Seite 153 berichtet er, wie der Staat sich Gedanken machte, ihn als Evangelisten unschädlich zu machen. Lehmann hätte mit seiner ganzen Familie aus der DDR auswandern können. Als er dies aber ablehnte, dachte man darüber nach ihn zu einem Invaliden zu machen.  Aus den Akten:
„Es darf keinesfalls sichtbar werden, dass bei der ärztlichen Betreuung des LEHMANN bezw. bei der späteren Behandlung bis zur Invalidisierung wir dahinsterstecken.“
Doch Gottes Schutz war grösser. Und viele Angriffe hat Herr Lehmann erst viel später erfahren. Als ich ihn angetroffen habe, habe ich ihn gefragt, was für ihn schwerer gewesen war, die Angriffe der staatlichen Kommunisten oder kirchlich internen Reibereien. Da meinte er (in etwa): Die kirchlichen Angriffe. Die Kommunisten benahmen sich so, wie sie glaubten, dass es richtig sei. Aber die Angriffe der eigenen Leute müssen ihm viel mehr weh getan haben. Und diese wurden damals auch staatlich gefördert:
„Das strategische Ziel der Stasi war immer, einen sogenannten ‚Differenzierungsprozess‘ anzukurbeln, also Unfrieden und Spaltung unter den Pfarrern und Mitarbeitern herbeizuführen, sie gegeneinander auszuspielen und dadurch wirkungsunfähig zu machen. Wie muss die Stasi gejubelt haben, dass dieses Ziel ganz ohne ihr Zutun im ‚Gottesdienst einmal anders‘ erreicht wurde, als es wegen theologischer Differenzen soweit kam, dass ich aus dem Team ausschied.“ Dazu Verse, die er aufführt in Anhang 2
Aber die Angriffe des Staates waren schlimm.  Und nicht nur er litt darunter. Auch seine Frau und seine Kinder, die in den Ausbildungsmöglichkeiten beschnitten wurden.
„Die Sippenhaft der Nazis gab es, allerdings in sehr abgeschwächter Form, auch bei den Kommunisten. Unsere drei Töchter, Constantia, Mirjam und Camilla wurden trotz sehr guter Zeugnisse ab dem 10. Schuljahr vom weiteren Bildungsweg ausgeschlossen, einfach deswegen, weil sie meine Kinder waren. Sie haben alle drei ihren Weg gefunden, auf dem sie zufrieden sind, und gehören mit ihren Ehemännern zu Jesus. Ich verdanke ihnen eine Schar von acht Enkeln.“ (Seite 258)
4. Blues, Jazz und Negrospirituals
Im Blues, Jazz und Gospel fand er – und auch andere zu jener Zeit – jene Musik, die ihm das ausdrücken liess, was sie erlebten.
„Was man als Bluesfans auch machte – man geriet immer wieder an Grenzen, wurde gebremst, behindert, bekam eins auf die Mütze und kriegte den Blues. Ich hatte deshalb mit Bedacht die Widmung meines Buches gewählt: ‚Für alle, die den Blues haben.‘ Von denen gab es in der DDR mehr als genug.“ (Seite  84)
So schrieb er auch, wenn es mir recht ist, seine Doktorarbeit über Blues.
Seite 80:
„Man muss sich das mal vorstellen: Ich lebte hinter der Mauer, war der Postzensur hilflos ausgeliefert und wollte trotzdem Informationen über eine Musik sammeln, die aus dem kapitalistischen Ausland stammte, aus dem verhassten Amerika, und ausserdem noch als ‚dekadent‘ galt. .. Dass es trotzdem gelang, grenzt an ein Wunder. Ohne die Sondergenehmigung zum Empfang wissenschaftlicher Literatur, die mein Vater hatte, wäre ich wohl nie zum Ziel gekommen. Ich musste mir viele Tricks ausdenken, um an das benötigte Material heranzukommen. Deshalb war ich schon immer der Meinung, dass ich schon allein für die kriminalistische Meisterleistung der Recherche und Materialbeschaffung den Doktortitel verdient hätte – das Zusammenschreiben der Arbeit war dann vergleichsweise nur noch eine Kleinigkeit.“
Interessant war nun, dass Dr. Martin Luther King in der DDR geachtet wurde. „…, ich hätte keine Chance gehabt, in der DDR ein Buch zu publizieren, auf dem der Name eines Westdeutschen stand. Etwas anderes war es allerdings mit dem Vorwort von Dr. Martin Luther King, auch ein Idol von mir. Sein Name hatte in der DDR Gewicht, und es hat mich natürlich mit Stolz erfüllt, dass das Bluesbuch mit einem Vorwort aus der Feder des Anführers der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung seinen Weg antreten konnte.“ (Seite 81)
„Das Zustandekommen dieses Konzertes war für mich ebenso ein Wunder wie die Tatsache, dass die Stasi das Erscheinen des Bluesbuches nicht verhindert hat. Sie hat in anderen Fällen anders reagiert. Beispielsweise …“ (Seite 82)
5. Gottesdienste in Karl-Marx-Stadt
In Karl-Marx Stadt, DER Musterstadt der DDR feierten sie, direkt vis-à-vis des Stasi-Büro in einer Kirche regelmässig einen Jugendgottesdienst:
Dazu Seite 133: „Jedenfalls habe ich fast ein Jahrzehnt lang bewiesen, dass ich mit der gleichen Predigt nur durch Veränderung von Form und Zeit die zehn- bis zwanzigfache Hörerzahl erreichen konnte. Kaufmännisch gesprochen – ich habe das gleiche Produkt durch Veränderung der Verpackung zwanzigfach mehr ‚an den Mann bringen‘ können. Au dieses Ergebnis bin ich ebenso stolz, wie ich traurig darüber bin, wie wenig Nachahmer dieser Gottesdienst gefunden hat.“
Auf Seite 132 sieht man eine altehrwürdige Kirche, die übervoll mit jungen Menschen ist: „Jugendgottesdienst Petrikirche 80er Jahre“ steht darunter. Gott hat sicherlich Theo Lehmann mit dazu gebraucht, dass die Gebetsbewegung in der DDR zur friedlichen Revolution führen konnte. Dadurch bekamen sogar die Kommunisten mehr Freiheit!
Interessant ist nun, dass es Lehmann – obwohl er das System der DDR hasste –es ihm beim Predigen nicht in erster Linie um die Freiheit aus dem politischen Korsett ging. Er hat dieses Koresett zwar immer wieder indirekt hinterfragt. Es scheint eine für DDR-Bürger eigenen Art gegen zu haben, seine Meinung zu äussern, ohne dass man sie juristisch angreifen konnte. Lehmann selber beschreibt, wie gut die Stasi-Spitzel ihn dabei verstanden haben. Doch sie konnten nicht offiziell handeln, da die juristische Grenze nicht verletzt worden war. Da es ihm im Predigen aber um etwas viel wichtigeres ging, musste er auch nach der Wende seine Predigten nicht umschreiben:
„Die Wende hat der Jugendgottesdienst besser überstanden als alle anderen mir bekannten kirchlichen (und viele weltlichen) Veranstaltungen. Es gab nach der Wende Stimmen, die mit Häme oder Sorge fragten, wie das Ganze überleben soll. Dahinter stand die Meinung, die Masse wären eh nur gekommen, weil ich meine Predigten mit politischen Spitzen gewürzt  und Spott Verse zu aktuellen politischen Ereignissen vorgetragen hatte. Nach dem Verschwinden des politischen Gegners musste demnach auch der Anreiz verschwinden, in den Jugendgottesdienst zu kommen. Aber das Wesentliche war ja nicht, dass ich nebenbei ein paar brisante Spitzen losliess, sondern dass ich die Botschaft von Gottes Gericht und Gnade predigte und zur Bekehrung aufforderte.“ (Seite 131 – 132).
Das Lehmann bis heute wie ein 68-er aussieht, passt wohl zu seinen Gottesdiensten: Er war kulturell an seine Zeit hervorragend angepasst. Seine Botschaft blieb bis heute nah am Wort. Seine sprühende Lebens-Kraft wird dadurch verständlich.
Ich habe etwas hineingehört, wie er Predigten vorbereitet. Er stellt sich u.a. ein müder Arbeiter vor. Wie kann er das, was zu sagen ist, einfach und klar verkündigen? Welche unnötigen Worte kann er sein lassen? Dabei geht er hin und überarbeitet sein Manuskript Wort für Wort.
Wie drücke ich mich klar und einfach aus?
6. Evangelisation und Lieder
Lehmann ist ein extremer Lutheraner. Dennoch hat er mit anderen Kirchen und Freikirchen gerne zusammengearbeitet. Er meint, er rufe zu Jesus und nicht zu einer Kirche. Er liebt seine lutherische Kirche. Zugleich leidet er auch an ihr, wie es in alten Taten die guten Propheten taten.
So war er offizieller Evangelist der lutherischen Kirche. Ging er aber etwas nördlicher, gab es Lutheraner, die glaubten mit der Taufe sei schon alles erledigt. Worauf er predigte, dass die Kindertaufe die Verpflichtung beinhaltet ihnen das Evangelium zu predigen. Weiter oben im Norden, bei den Preussen wollten sie Lehmann nicht hören, weil sie nichts von Sünde hören wollten.
Lehmann hat auch einige Bücher geschrieben und viele Liedertexte. Er hat für seine Gottesdienste treffende Liedtexte geschrieben, die dann in moderne Lieder gekleidet wurden. Jörg Swoboda, ein Baptist schrieb Melodien in dieser Sache. Dazu gehört auch ein sehr schönes Lied, wo es u.a. heisst: „Die Mächtigen kommen und gehen und auch jedes Denkmal einmal fällt. Bleiben wird nur, wer auf Gottes Wort steht….“ (Anhang 1)
7. Lehmann als Theologe
Auf Seite 125 zitiert Lehmann diesen Jörg Swoboda, wo er über ihn sagt:
„Bibelfest und wortgewaltig wie Spurgeon, treu wie Jonathan, spröde wie Johannes der Täufer, zu den Angeschlagenen liebevoll wie eine Mutter, zu theologischen Ueberfliegern und Angebern bissig wie ein Wachhund, akkurat wie eine Oberschwester, gegenüber gottlosen Selbstgöttern absolut respektlos, humorvoll bis satirisch wie ein Kabarettist.“
Weitere Liedermachen hiessen Lutz Scheufler, Wolfang Tost. (Seite 126 mit Bild, inkl. Jörg Swoboda)
(Seite 124 ein Bild der vollen Schlosskirche in Karl-Marx-Stadt 1972.)
„Ausserhalb des offiziellen Studiums widmete ich mich noch besonders intensiv der lutherischen Theologie in dem von meinem Vater gegründeten ‚Lutherischen Einigungswerk‘.  Da beschäftigten wir uns, eine kleine Gruppe von Studenten aus verschieden Semestern, lang mit profaner Weltliteratur, und dann wieder ein Semester mit dem Luthertum, indem wir entweder eine lateinische Schrift Luthers lasen oder uns mit den Bekenntnisschriften befassten.
So bin ich, von Anfang an vom Elternhaus in dieser Richtung geprägt, zum lutherischen Theologen geworden. Es waren vor allem die Schriften von Werner Elert und Hermann Sasse, die mich auf diesem Weg weiter prägten und begleiteten.
Der Theologe, der mich darüber hinaus am meisten geprägt hat, war Professor Helmut Thielicke. Die Bände seiner Ethik las und kannte ich vorwärts und rückwärts, erst recht seine Predigtbände. Er war mein Vorbild, mein Idol. So wie er wollte ich werden. Bei ihm las ich die Bemerkung, dass man nicht nur für die predigen soll, die schon da sind, sondern auch für die, die noch nicht da sind. Dieser Satz hat später meinen Predigtweise bestimmt.“ (Seite 68)
Laut Wickipedia wurde ihm am 26. Mai 2003 durch den Landtagspräsidenten Erich Iltgen die Sächsische Verfassungsmedaille verliehen. Am 21. Mai 2006 wurde Lehmann durch die Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern der Walter-Künneth-Preis verliehen.
1966 schrieb Lehmann das erste Bluesbuch in der DDR...
8. Widmung
Ich habe das Glück eine Widmung von Herrn Lehmann in diesem Buch: Freiheit wird dann sein“ haben zu können. Es steht „nur“ die gewichtigen Worte:
„Theo Lehmann
Römer 8,28“
Ich zitiere aus Römer 8,28, aus der Lutherbibel, weil diese sehr gut zu Herrn Lehmann passt:
„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“

Anhang 1
Das Lied heisst: Wer Gott folgt riskiert seine Träume
„Wer Gott folgt, riskiert seine Träume
Setzt eigene Pläne auf’s Spiel
Auch als Verlierer kommt ihr nicht zu kurz.
Gott bringt euch an sein gutes Ziel.

Auch mit Gott gerät man in Krisen
Probleme, die unfassbar sind
Trotz aller Zweifel seid dennoch gewiss
Er schläft nicht und sorgt für sein Kind

Ref. Vertraut auf den Herrn
Für immer
Denn er ist der ewige Fels
Vertraut auf den Herrn
Für immer
Denn er ist der ewige Fels

Wo feststeht, dass alles im Fluss ist
Schwimmt vielen der Glaube mit fort.
Gott ist unwandelbar, denn er ist Gott
Seid sicher, der Herr hält sein Wort

Die Mächtigen kommen und gehen
und auch jedes Denkmal mal fällt
bleiben wird nur, wer auf Gottes Wort steht
dem sichersten Standpunkt der Welt

Und lehrt eure Kinder das eine
dass über Gott keiner mehr steht
dass auch der Grösste klein beigeben muss
 wenn Gott kommt und alles vergeht

Wer stirbt, der wird nicht nur zu Erde
Gott ruft ihn zum Jüngsten Gericht
Finsternis bleibt für die einen zuletzt
Die anderen dürfen ans Licht.

Anhang 2
„In dem Leben, das man führt,
da ist vieles, was Gott stört.
Wie der Mensch nun einmal ist,
macht er Fehler, auch der Christ.

Besser sind wir nicht, aber besser sind wir dran.
Jesus macht uns frei, fängt neu mit uns an.
Besser sind wir nicht, aber besser sind wir dran.
Jesus macht uns frei, fängt neu mit uns an.

Manche bilden sich zwar ein,
würden etwas Bessres sein.
Denken, weil sie sich bekehrt
Sind sie mehr als andre wert.

Auch der grösste Glaubensheld
Manchmal in die Tiefe fällt.
Und wer denkt, er ist perfekt,
hat sich selbst noch nicht entdeckt.

Auch bei uns ist manchmal Krach.
Auch bei uns wird mancher schwach.
Vieles ist bloss frommer Schein.
Vieles könnte besser sein.

Häufig ist ein Atheist sehr viel besser als ein Christ.
Doch der Christ ist besser dran,
nimmt er die Vergebung an.

Ist die Schuld auch noch so gross,
Jesus macht uns davon los.
Wir sind frei, auch im Gericht.
Etwas Bess’res gibt es nicht.“