Freitag, 4. November 2022

Interessante Musik und interessante Philosophen:

 


Der nächste Beitrag ist sehr theoretisch, aber interessant:

Frau Barbara Bleisch interviewt Herr  Philipp Hübl und Herr Holm Tetens im Schweizer Fernsehen.

Herr Philipp Hübl ist ein Atheist und Herr Holm Tetens ist ein Theist (oder Deist? Ich bin mir nicht sicher.) Ihre Argumente sind interessant. Der Theist zeigt beim Atheisten, welche nicht ein reiner Naturalist ist, seinen Dualismus?

Der Atheist hält sich für ein Idealist. Damit Ist er ein Realist im mittelalterlichen Sinne  oder heute würden wir eben sagen Idealist(s. mein Beitrag Verschwörungstheorien, Nominalismus und Realismus bezw. Realismus und Idealismus). Martin Luther war an einer nominalistischen Schule geschult = Universität Erfurt), was wir heute Realismus nennen. Man kann also auch Thheist und Realist (= im heutigen Sinn, was im Mittelalter Nominalist genannt wurde sein).

Der Theist ist kein Christ. Herr Tetens denkt, dass es Idealisten, Dualisten und ... (ich glaube Naturalisten) gibt. Kann es sein, dass man sich heute nicht mehr vorstellen kann, dass man Nominalist (= Realist im heutigen Sinne) sein kann und an Gott glauben kann? Herr Tetens zitiert sogar Wilhelm von Ockham (1288 - 1347) indem er vom "Ockhams Rasiermesser" als philosophisches Prinzip anwendet, um seinen Atheismus zu erklären. Ockham war Nominalist (= Realist im heutigen Sinne) und ein Beförderer des empirischen Denkens. Aber Wilhelm von Ockham war auch Theist und Christ. Es ist interessant, wie selbst Atheisten in unserer Kultur von Christen beeinflusst sind. In einem anderen Beitrag im Deutschen Fernsehen disputierten zwei Theologen und eine Theologin, ob es Jesus Christus als historische Person gegeben habe. Auch sie argumentierten auf einer ähnlichen Basis wie diese zwei Nicht-Christen: Ein Denken, dass den ganzen Raum der Theoloie nicht mehr Raum gibt. Was bei Herrn Hübl noch verständlich ist: Er will sich keine moralischen Vorschriften von Gott machen lassen, ist bei Theologen dabei erstaunlich. Insbesondere, wenn man sie mit den Theologen vor 500 Jahren vergleicht. Man bringt es tatsächlich fertig, zu glauben, dass man als Realist (im heutigen Sinne) nicht mehr in einem nominalistischen (= heutigen Sinne realen) Denkweise glauben kann. Zugleich weiss man aber, dass es solche Theologen noch gibt, aber man ist ganz tief davon überzeugt, dass dies unvernünftig ist. Einer der drei Theologen hat trotzdem, irgendwie vielleicht in einem "Sprung des Glaubens" wie es Kierkegaard nannte, in einem beinahe mythologischen oder idealistischen Sinne als wahr anschaut. Dadurch wird der Glaube aber unvernünftig und idealistisch und eben nicht wie Luthers Glauben empirisch nachvollziehbar.  Hat sich unsere universitären Gelehrsamkeit, die sich schon seit der Antike und über das Mittelalter in idealistische (= realistische im Mittelalter) und Realistische (= im Mittelalter nominalistische) Denkweise aufgeteilt hat, entschieden nur noch im idealistischen Sinne an Gott glauben zu wollen? Beziehungsweise: Haben unsere Intellektuellen den realistischen (= mittelalterlich nominalistisch) Glauben an Gott denkerisch ausgeschlossen? Würde Martin Luther hierzu sagen, dass es letztendlich einfach darum geht, dass wir  selber Gott sein wollen? Oder anders ausgedrückt: Wir wollen der Massstab sein. Gott ist tot, bedeutet dann einfach, Gott hat uns nichts zu sagen. Logischerweise darf dann natürlich die Bibel als Gottes Wort auch nicht mehr der Massstab sein. Das würde auch erklären, was für ein riesiger Unterschied zwischen Martin Luther und Erasmus von Rotterdam zu den heutigen Theologen besteht. Tatsächlich gibt es natürlich die realistischen Theologen immer noch, aber sie befinden sich ausserhalb der offiziellen Wahrnehmungswelt. Und doch leuchten sie hinein. Allerdings nur wie ein schwarzer Schatten vor dem man Angst hat. Das würde auch erklären, warum ein Thimoty Keller praktisch nicht zitiert wird. Immerhin ein reformierter Theologe, der Pastor einer presbyterianischen (= reformierten) Kirche in New York ist und der u.a. ein Buch wie "Warum Gott? Vernünftiger Glaube oder Irrlicht der Menschheit" geschrieben hat. Dieses Buch ist in New York ein Bestzeller. Bei uns wird es praktisch nur im evangelikalen Raum wahrgenommen. Mir scheint Timothy Keller ein realistisch denkender Theologe ist, der an die reale Existenz Gottes und Jesus Christus glaubt. Darum kann er auch vernünftig und nachvollziehbar argumentieren. Damit beweist er, dass man auch heute vernünftig an Gott glauben kann. Und natürlich übersteigt der reale Gott unsere Fähigkeiten, auch unsere Denkfähigkeiten. Das finde ich auch so genial: Bei Gott kommt man an die menschlichen Grenzen und das ist auch so befreiend und macht mich so glücklich und lässt mich Gott anbeten! Es löst genau jenes Dilemma, was uns die Idee bringt, wenn wir Menschen das Mass aller Dinge wären: Es wäre ein Horror. Obwohl ich mittlerweilen auch lernte, dass es moralisch sehr hochstehende Menschen gibt, die Gott in ihrem Denken ausgeschlossen haben. Die Frage ist nur, ob das eben doch ein Einfluss der Bibel ist. Denn selbst der Atheist in diesem Interview nutzt das ockhamische Rasiermesser für seine Rationalität und da kann es gut sein, dass er seine moralischen Massstäbe ebenso aus dem Schatz der Bibel schöpft: Indirekt über die in unserer westlichen Welt herrschenden Einflüsse der Bibel. Vermutlich ist es auch gemixt mit natürlichen Erkenntnissen Gottes. Ja, vielleicht zeigen diese zwei Denker auch davon, was möglich ist zu erkennen, wenn man nicht vom Heiligen Geist getrieben ist. Und das ist ja auch wieder erstaunlich viel. Bei den erwähnten drei Theologen kann ich nicht beurteilen, wie weit sie von der Muse geküsst oder vom Heiligen Geist getrieben sind. Vielleicht ist der eine Theologe, der irgendwie in einem idealistischen aber nicht in einem realistischen Sinne an die Wahrheit der Bibel glaubt, vom Heiligen Geist getrieben. Aber der Verstand ist immer noch im Idealismus gefangen, daher sucht er eine idealistische Lösung, doch an Jesus Christus glauben zu können. 

Das alles wären interessante Fragen, die ich gerne als Interviewer gestellt hätte.

Die zwei Herren kommen auch auf die Frage der Thodizee, d.h. wie Gott das Böse zulassen kann. Herr Hübl fragt sich, warum - wenn es denn Gott gäbe - hat Gott die Menschen nicht etwas besser gemacht. Als traditioneller Christ und Reformierter habe ich eine Antwort. Gott hat uns Menschen sehr gut gemacht. ABER unsere Eltern entschieden sich, den Sündenfall zu tun und versklavten sich unter die Sünde. Nun sind unsere tiefsten Motive verbogen. Darum brauchen wir für die guten und schlechten Werke Busse: Weil wir nicht Sünder sind, weil wir sündigen, sondern wir sündigen, weil wir Sünder sind. Und daher reicht es nicht, uns nur zusammenzunehmen, sondern ein Wunder, dass unsere tiefste Motivation neugeschaffen wird: Die geistliche Wiedergeburt. Allerdings können wir es auch dann noch nicht oder wie es Paulus im Römerbrief sagt: Nun will er, d.h. der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach, d.h. meine menschlichen Möglichkeiten reichen immer noch nicht aus, um perfekt in Liebe und dem Guten zu handeln. Darum brauche ich auch für die guten Werke Busse, d.h. ich muss  und darf ich zu Jesus gehen, der alles gut macht. Das war ja auch der Weg Martin Luthers: Er erkannte, dass die ockamische Bussenlehre sich irrt. Sie trieb Luther in die Verzweiflung, weil er Gott nicht selbstlos lieben konnte. Ganz im Gegenteil: Durch das gute Gesetz Gottes mit seinem "Du sollst" entfachte es in ihm seine Sündhaftigkeit und er stand immer wieder in der Gefahr sogar Gott zu hassen. Schon sein Chefmönch wies auf die Gnade hin. Und es ist bezeichnet für die damaligen Augustiner, dass sie eine Martin Luther, der so an Gott verzweifelte, an die Universität schickten, um Theologieprofessor zu werden. Und sie hatten recht: Martin Luther verstand anhand des Römerbriefes, dass es eben keine aktive Gerechtigkeit ist, von der die Bibel spricht. Was wir unter Gerechtigkeit verstehen, ist in der Bibel mit dem Zorn Gottes wiedergegeben und wir nennen es richtende Gerechtigkeit. ABER in der Bibel ist immer von passiver Gerechtigkeit die Rede. D.h. die Gerechtigkeit wird uns von Gott gegeben. Damit ist gemeint, dass Gott zu uns treu ist. Und darum können und müssen wir als Sünder zu Christus, denn Christus ist nur für Sünder gestorben und nicht Selbstgerechte. Diese Aussage ist nicht ganz korrekt, denn Jesus Christus ist für alle Menschen am Kreuz gestorben, auch für die Selbstgerechten. Aber ein Selbstgerechter lehnt das Geschenk, die Gnade ab und in seiner Ablehnung wählt er die richtende Gerechtigkeit Gottes. In diesem Sinne ist ja auch der dritte Punkt des Fünfpunkte Calvinismus nicht ganz richtig: Jesus Christus ist nicht nur für die Erwählten gestorben, denn Jesus Christus ist für alle Menschen gestorben. Aber letztendlich sind beide Aussagen auch wahr, weil sie uns drastisch vor Augen führen: Es ist die Gnade und nicht unsere Leistung, unser Werk, die uns rettet. Es ist Jesus Christus der uns rettet und nicht mal unsere Entscheidung, d.h. unser Akzeptieren, dass wir Sünder sind, die die Gnade brauchen ist eine Leistung, sondern ein Geschenk Gottes. (Obwohl natürlich subjektiv gesehen, wir handeln, ist die geistliche Wahrheit, dass wir vom Heiligen Geist getrieben sind. Nur merken wir das oft gar nicht, weil es uns so normal vorkommt, dass wir das Wunder gar nicht sehen. ABer wenn wir diesen genialen Denkern zuhören, können wir erahnen, was für ein Wunder es ist, dass wir im realen Sinne an Gott glauben dürfen.)

Mit der Zeit wird sogar Gregor Gysin zitiert, der als Atheist die Folgen des zunehmenden Abnahme der Gottesglauben für  soziale Einflüsse beängstigend findet. Herr Tetens sieht hier kein Problem. 

Herr Tetens denkt, dass wir für die Werte keinen Gott brauchen. Da bin ich mir nicht so sicher. Das Theisten (und auch Christen) nicht moralisch besser sind, stimme ich aber auch zu. Aber wenn Gott als absoluter Massstab ausserhalb von uns fehlt, so glaube ich, dass mit der Zeit das was Mitte des 20. Jahrhundert in Europa möglich wurde, schnell wieder aus der tiefe unseren Herzen empor kriecht. Daher verstehe ich Gregor Gysin gut. Allerdings kann dies natürlich auch in Form religiöser Strukturen möglich sen. Interessanterweise kennt die die Bibel ja auch gottlose Theiste, ja sogar gottlose Kirchenmitglieder. Genauso spricht sie von gottesfürchtige Heiden. Die Welt ist komplexer, als man im ersten Moment annimmt. Das gilt für alle Bereiche: Physik, Psychologie, Geschichte, die Bibel, Gott usw.

Zuletzt geht Herr Hübl auch darauf ein, dass es kein angenehmer Gedanke ist, dass es einmal ein Ende nach dem Tode gäbe. Als Kind hatte er Angst, dass Gott alles von ihm hört. Darum war es für ihn erleichternd, als er glauben konnte, dass es keinen Gott gibt. Und wie bereits erwähnt, würde es ihm nicht gefallen, dass Gott Vorschriften machen würde. Vielleicht liegen hier seine tiefsten Gründe und seine persönliche Logik, warum er Atheist ist. Auch das wäre eine interessante Frage gewesen. Gleichzeitig ist er aber kein extremer Atheist. Er kann sich als Philosoph in Theisten und Deisten eindenken, glaube ich zumindest. Wobei es vermutlich schwierig wird, bei Theisten, die vom Heiligen Geist "geküsst" wurden, um im Oben verwendeten Bild zu reden. Denn ein Eingriff Gottes in unseren Glauben gibt, verändert alles. Allerdings bedeutet das noch nicht, dass sich unser Denken verändert hat. Darum spricht die Bibel davon dass man dann noch sein Denken erneuern muss: Metanoia heisst der griechische Begriff. Und darum begann Martin Luther seine 95 Thesen mit diesem Thema, was ja der Anfang der Reformation vor 500 Jahren war. 

Ein Zitat von Camus wird ebenfalls angesprochen. Wenn es Gott nicht gebe, dann ist es feige, dies nicht zuzugeben. Das ist aber nur feige, wenn es Gott nicht gibt!!!! 

Und was mir gerade in den Sinn kommt: Man muss ein Prinzip immer auf die eigene Position anlegen/beziehen: Kann es sein, dass es auch Feige ist, nicht an Gott glauben zu wollen, wenn es Gott gibt?



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen