Donnerstag, 28. Januar 2016

John Newton Amazing Grace

Ich bin gerade -  u.a. - am Lesen von "Amazing Grace und John Newton Sklavenhändler, Pastor, Liederdichter" von Jonathan Aitken. Was für ein Leben und was für ein Theologe, der mit 10 Jahren seine Schulzeit beendet hatte...

Sein Leben liest sich weite Stecken wie ein fesselnder Roman.

Mit über 50 Jahren wurde er von einem hochkirchlichen Kritiker der anglikanischen Kirche gefragt, ob er ein Calvinist sei. Darauf erwiderte Newton: "Nun, Sir, ich nenne mich nicht gern ei irgendeinem Namen im Hinblick auf die Religion. Aber warum stellen Sie mir die Frage?"
"Weil ich manchmal, wenn ich Sie lese oder höre, denke, sie seien Calvinist; und dann wieder denke ich, Sei seien keiner."
Newton antwortete: "Nun, Sir, ich bin eher ein Calvinist als irgendetwas anderes, aber ich verwende meinen Calvinismus in meinen Schriften und meiner Verkündigung wie diesen Zucker." Danach griff Newton nach einem Stück Zucker und liess ihn in seine Tasse fallen, rührte um und meinte: "Ich gebe nicht pur und ganz, sondern vermischt und verdünnt."
(Seite 375)

Newton selber hat geistig und physisch grosse Reisen gemacht, bis er dazu kam, was er war. Vor seinem siebten Geburtstag verlor er seine Mutter. Sie lernte ihm Lateinisch. Ich vermute, sein Vater war emotional etwas handicapiert. Denn anstelle ihn zu trösten, heiratete er wieder und schickte seinen Sohn an ein Internat. Später sollte ihn der Vater immer wieder aus vielen gefährlichen Situation heraushelfen. Man könnte beinahe den Verdacht haben, John Newton habe sich durch  die Probleme Zuwendung vom Vater geholt...
Der Vater war in Spanien unter Jesuiten aufgewachsen. Da er der "niederen" Kirche in der anglikanischen Kirche angehörte, hat er sein evangelischen Glauben dort beibehalten. Das konnte er - so vermute ich - wohl nur, indem er sein Herz zumauerte.

Newton selber war gegenüber römisch Katholischen, wie auch gegen alle anderen Menschen freundlich.  Obwohl er das Papstum für ein Irrtum hielt, urteilte er aus englischer Sicht so über die Papstkirche:

"Insofern der Papismus die zivilen Verhältnisse der Nationen betrifft, befürchte ich keine  grosse Gefahr von ihm. ... Ich wüsste nicht, wieso ein Papist nicht ebenso das Recht haben sollte, Gott nach seinem Gewissen anzubeten, auch wenn es irrtümlich ist, seine Kinder zu erziehen etc., wie ich es habe. Ich bin kein Freund von Verfolgung oder Zwang in Gewissensangelegenheiten. Der Aufruhr, der 1780 veranstaltet wurde, zu einer Zeit, als Protestanten in papistischen Ländern mehr Freiheit erlangten, war meiner Meinung nach eine Schande für unseren Nationalcharakter." (Seite 361) (1)

Gerne werde ich mehr von ihm Schreiben. Ueber seine grosse Liebe, die er zuletzt dank seinem Vater auch heiraten konnte, seine extreme Gottlosigkeit, sein jugendliches Handeln ohne Verstand, als er Matrose, von der Marine zwangsrekrutiert und später wegen Flucht ausgepeitscht wurde, als Handelsmatrose, der Spottlieder über den Kapitän singt, als Sklavenhändler in Arfika. Zeitweise war er selber in Afrika versklavt, so erniedrigend, dass selbst die schwarzen Sklaven mit ihm mitleid hatten und von ihrem Essen abgaben. Dann, als er sich bekehrte und Kapitän von Sklavenschiffen wurde (damals wusste er noch nicht, dass es prinzipiell falsch war. Er versuchte aber korrekter mit allen umzugehen. So liess er auch ein Manschaftsmitglied auspeitschen, als er sich an einer Sklavin vergriffen hatte. Er senkte die Todesfälle, bis seine letzte Fahrt ohne Todesopfer stattfand. Damals hatte er dann auch viel weniger  Sklaven an Bord. Später wird er der einzige (ehemalige) Kapitän eines Sklavenschiffes sein, der vor Gericht über die grauenhaften Zustände aussagte. Als Priester der Anglikanischen Kirche (der sich selber bildete und unter anderem Griechisch und Hebräisch beibrachte) ermutigte und unterstützte er Wilberforce in seinem Kampf gegen die Sklaverei. Davor war er aber noch arbeitslos, weil ihn Gott mit einem - vielleicht Herzinfarkt - vom Sklavenschiff holte. Dann wurde er in Liverpool Zollbeamter. Mit der Zeit merkte er, dass er keine Bestechungsgelder mehr annehmen sollte... Dadurch verdiente er nur noch 50% seines Einkommens, was aber immer noch sehr viel war. Dann wollte er Pfarrer in der anglikanischen Kirche werden, was ihm 6 Jahre verwehrt wurde. Auch das eine Odysse. Seine von ihm so sehr geliebte Frau, galt nicht als besonders geistreich. Er aber hatte manchmal Angst, dass er sie fast zu gerne hatte. Sie hatten keine eigenen Kinder. Aber mit über 50 Jahren adoptierten sie zwei Kinder. Das zweite war Schwindsüchtig. Zu jener Zeit ein sicheres Todesurteil auf Raten. Als Pfarrer war er mit dem grossen Dichter Cowper befreundet. Eine Zeit lang befeuerten sie sich gegenseitig. Newton versuchte seinem Freund Cowper in seinen Depressionen zu helfen. Newton war mit allen möglichen Pastoren - auch ausserhalb der Amtskirche befreundet und gründete auch Diskussionsgruppen. (Dazu Seite 310: Und so fand sich ein stetiger Strom von kirchlichen Besuchern aus nah und fern, zum Teil von so weit her wie Cornwall und Schottland, in seinem Feundeskreis zusammen. Darunter waren Kanditaten für die Ordination, Pastoren freikirchlicher Gemeinden und Geistliche aus dem liberalen ebenso wie dem evangelikalen Flügel der anglikanischen Kirche.) Ach ja, Kinderstunden gründete er ebenso. Den Choralgesang führte er ein - oder änderte er massgeblich. Ein Lied kennen wir sicher alles: Amazing Grace. Ich glaube ein Tag, nachdem dieses Lied zum ersten Mal im Gottesdienst gesungen wurde, fiel Cowper in eine solch tiefe Depression, dass er sich selber zu töten versuchte. Newton blieb bei ihm, sie wohnten ja beinahe zusammen, ein Garten trennte sie nur. Auch später als Newton in England Pfarrer wurde, bleiben sie in Kontakt.)

Nun las ich gerade, wie er in sein Tagebuch vom Tod seiner Adoptivtochter schrieb:

"Gegen 5 Uhr nachmittags wünschte sie sich, ich möge noch einmal mit ihr beten. Natürlich betete ich dann aus tiefsten Herzen. Als ich geendet hatte, sagte sie Amen. Ich frage: 'Mein liebes Kind, habe ich ausgedrückt, was du meinst?' Sie antwortete: 'O ja?, und fügte dann hinzu: 'Ich bin so weit, zu sagen: Warum zögert sein Wagen, dass er nicht kommt?
Aber ich hoffe, er wird mich fähig machen, seine Stunde geduldig zu erwarten.'" (Seite 369)

Obwohl er tief vom Glauben seiner Tochter beeindruckt war, schreibt er in einem Brief an Mrs Walter Taylor auch über Tränen, die andauernden:
"Der Herr hat Grosses für uns getan, seit wir nach Hause gekommen sind. Er sandte einen Wagen der Liebe für unsere leibe Eliza. Wir konnten fast sehen, wie sie ihn bestieg. Die Art und Weise ihres Abschieds hatte eine barmherzige Wirkung auf uns, sodass wir, wenn es auch in einer Hinsicht so war, als risse man uns ein Glied ab, im Ganzen empfanden, Lobpreis komme uns viel eher zu als Klage. Ich weine immer noch mehr oder weniger jeden Tag um sie, aber ich danke dem Herrn dafür, dass ich nicht eine Träne des Kummers vergossen habe. Meine Liebe (Polly, seine Frau) wurde ebenfalls wunderbar getragen." (369-370)

Das nächste Kapitel 40 nennt sich "Die Eclectic Society und der Messias." Mal sehen, was da noch über Newton erzählt wird.

Hier zwei Versionen von Amazing Grace, ich glaub das beliebteste Kirchenlied in Amerika.




Hier ein Beispiel für einen Film über Wilberforce. John Netwon wird hier nicht als ehemaliger Kapitän, der originell predigte, sondern eher wie ein Mönch dargestellt (Der Film ist aber trotzdem eindrücklich. Das Leben von Wilberforce wäre auch noch interessant zu lesen. Das Buch hätte ich...)

Anhang
(1) Ein weiteres interessantes Zitat zum Papstum von John Newton:
"Ich habe von vielen Päpsten gelesen, aber der schlimmste Papst, dem ich je begegnet bin, war Papst Selbst." (S. 361)
Eine coole Aussage. Man muss auf der einen Seite die Ablehnung der Protestanten gegenüber der Papstkirche verstehen: Es gab eine Königin mit Namen "blutige Maria", welche viele Evangelische tötete. Es war eine römisch-katholische Terroristen-Gruppe, die das Parlament in die Luft sprengen wollte. Der absolutistische Führungsstil der damaligen Päpste war  das Vorbild vieler absolutistische Könige. So gab es viele englische Könige, die sich dem Land und dem Parlament verpflichteten, aber heimlich doch absolutistisch herrschen wollten und daher entsprechende Verträge mit römisch-katholischen Herrschern schlossen.  Und es war eine römisch-katholische Armada aus Spanien, die beinahe England erobert hätte. (Wie weit hier der Anteil an diesem Krieg bei England war, wollen wir nicht genauer betrachten. Aber es gibt den wohl auch zu betrachten. Dies ist aber hier nicht so wichtig.) Wichtig ist, um zu verstehen, dass dies bei einigen Protestanten Angst und auch Hass auslöste.  Letzteres ist natürlich nicht Evangeliums gemäss. Denn daraus erwuchsen manche Ungerechtigkeiten, von Protestanten gegenüber Römisch-Katholischen, wie wir sie vermutlich in der Schweiz weniger kennen. Es tut daher gut, wie John Newton sich davor abgrenzte. Und das konnte er, weil er nicht nur ein kultureller Protestant war, sonder nein wahrer Nachfolger von Jesus Christus. Das hören wir auch, wenn er über den Begriff Wahrheit und Bibel spricht:
"Die Bibel ist die grosse Schatzkammer der Wahrheiten, die Ihnen vorzutragen mein Geschäft und die Freude meines Lebens sein wird. Sie ist das vollständige System göttlicher Wahrheit, dem ungestraft nichts hinzugefügt und von dem nichts hinweggenommen werden kann. Jeder Versuch, irgendeinen Zweig dieser Wahrheit zu verschleiern oder aufzuweichen, um sie dem vorherrschenden Geschmack rings um uns her anzupassen, sei es, um das Missfallen unserer Mitsterblichen zu vermeiden oder ihre Gunst zu werben, muss ein Affront gegen die Majestät Gottes und ein Verrat an den Menschen sein. Mein Gewissen bezeugt mir, dass ich unrer Ihnen die Wahrheit zu sagen gedenke." (S. 356)

Obwohl - oder vielleicht gerade weil er so klar predigte, befanden sich die verschiedensten Menschen unter seinen Zuhörern. Denn er verstand, dass das Evangelium das Verhalten  eines Menschen verändert. Oder klarer gesagt, der sündige Mensch lässt Gott den Raum, durch die Gnade Gottes an ihm zu wirken, indem er Vergebung erfahrt, ehrlich werden darf, sich von Gott geliebt fühlt und mit der Kraft Gottes und seiner Barmherzigkeit das Leben zu bestreiten beginnt:

"Ich predige klar, aber friedfertig nach meiner eigenen Meinung und greife niemanden direkt an. Dementsprechend sitzen Kirchenmitglieder und Dissenter, Calvinisten und Arminianer, Methodisten und Böhmische Brüder und hin und wieder, glaube ich, sogar Papisten und Quäker still da und hören mir zu." (Seite 362)

Und sein Einfluss war gewaltig. Sie veränderte die Kirche und die Gesellschaft. Und dabei war er nur ein Pfarrer einer Gemeinde,  der noch Bücher schrieb und in seinem Umfeld versuchte mit Gottes Hilfe zu leben. Gut - aus Reue über sein Verhalten gegenüber der Sklaven setzte er sich dann auch - obwohl eigentlich unpolitisch - für die Abschaffung der Sklaverei - und noch mehr: Für die Befreiung der Menschen ein.

Das galt auch für die nicht offiziell versklavten.

So unterteilte er die Christen in drei Typpen: A, B und C. (Er veröffentlichte diese Gedanken als eine Art öffentlicher Briefseelsorge:

A "Ueber die Gnade im Halm
Das sind Menschen, welche langsam erkennen, dass sie von Natur aus sündig und damit unfähig sind, Gottes Gnade aus eigenem Bemühen zu empfangen. Sie werden durch eine persönliche Entwicklung oder Umstände, vielleicht eine Krise oder aber auch eine Gebetserfahrung oder aber auch einfach durch allmähliches Verständnis dahin geführt.  Er ist noch wie ein Kind. Er versteht noch nicht alles und ist noch unreif:
"Es ist Frühling für A. Sein Glaube ist schwach, aber sein Herz ist warm. Er wird es selten wagen, sich für einen Gläubigen zu halten, aber er sieht, fühlt und tut Dinge, die niemand sehen, fühlen und tun könnte, wenn der Herr nicht bei ihm wäre." (Seite 313)

B "Ueber die Gnade in der Aehre
Hier wandelt sich der Kind zum Erwachsenen. Der Frühling wird durch eine heissere Zeit abgelöst: Vom kindlichen Verlangen kommt der Christ zum erwachsenen Konflikt.
"Während B durch Nöte und Versuchungen geht, ringt er mit neuen Sünden von der Art, wie sie offenbar Newton zu schaffen machten, etwa mit 'geistlichem Hochmut, Selbstabhängigkeit,  eitles Selbstbewusstsein, kreative Bindungen und eine Kolonne von Uebeln'. Nicht und nach erkennt B, dass Gottes Prüfungen und da Wirken des Heiligen Geistes ihn zu 'einer wachsenden Erkenntnis seiner selbst und des Herrn führen'. Indem er anfängt, die souveräne Gnade Gottes zu verstehen, lernt B, anderen mit tiefer Liebe und Vergebung zu begegnen.... wenn erdieses Stadium der Liebe und Vergebung erreicht und aufhören kann, sich zu brüsten, sich zu beschweren und andere zu kritisieren. Dann ist er bereit für den Uebergang zur Stufe C,.." (Seite 313 - 314)

C "vollen Weizen in der Aehre"
"Dabei wächst er in der Demut, in seiner geistlichen Haltung, in der Liebe zu Gott und ind er Freundlichkeit anderen gegenüber. Er ist zugleich Empfnänger und B eispiel der göttlichen Liebe und reift nun bis zur ewigen Herrlichkeit. Newton schliesst diesen dritten Brief mit den Worten:

'glücklicher C! Seine Mühen, Leiden und Uebungen werden bald ein ende haben; bald wird sein Verlangen sich erfüllen; und der, der ihn geliebt und erlöst hat, wird ihn bei sich aufnehmen mit einem 'Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, geh hinein zu deines Herrn Freude!'" (S. 314)

Es geht Newton also um eine Reise von unserer Selbstbezogenheit zur Gottbezogenheit! Der Autor denkt, dass Newton hier stark aus seinen eigenen Erfahrungen herleitet (obwohl er dies eigentlich nicht so will.) Und es scheint klar zu sein, dass sich Newton, als er dies schrieb, sich selber als ein B Christ verstand.
Vielleicht ist dies wohl auch das höchste, was hier in dieser Zwischenzeit erreichen werden. Luther sagte es ja so: Gerecht und Sünder zu gleich. Geistlich ist es 100% wahr, aber wir harren noch auf die Verwirklichung! An uns selber und in dieser Welt!
Diese Omicron-Korrespondenz erschienen zwischen 1773 und 1774 im Gospel Magazine. 1775 erschienen sie als Buch. Der Erfolg war so gross, dass er seine Sammlung von öffentlichen Briefen in einem umfangreicheren Buch, dem "Cardiphonia, or  the Utterance of Heart: In the C ourse of a Real Correspondence " veröffentlichte.
Was er da über seine Briefe schrieb, zeugt von seiner Demut und Klahrheit im Denken:

"Habe mich damit beschäftigt, meine Briefe durchzugehen, die, wenn es dem Herrn gefällt, meine nächste Veröffentlichung werden sollen. Was hatte ich beim Durchlesen (der zurückgegebenen Originale oder Abschriften) Grund zur Demütigung! Ach! Wie wenig beeindruckt bin ich vn jenen wahrheiten, über die ich mich anderen gegenüber so mühelos auslassen kann! Wie unzulänglich dabei, selbst die Regeln und Warnungen zu beachten, die ich anderen nahelege!"
(Seite 315)
Herr Aitken ist der Meinung, dass bei all seiner Demut, John Newton  ein beträchtliches Talent für einen "geistlichen Journalismus" entwickelte. Interessant.




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