Dienstag, 4. März 2014

Sei nicht allzu gerecht



Uebersicht:
1. Bibeltext Prediger 7,20-22
2. Erste Gedanken dazu 
3. Wie ich es verstanden habe
4. Zwingli und Paulus zum Thema Gerechtigkeit
5. Anhang
    unter (3) Gedanken von Calvin, die ich dann mit Paulus vergleiche
    abschliessen ein Verweis auf eine interessante (und emotionale) 
    Predigt von John Piper in der Liberty Universität auf Youtoub

1. Bibeltext
Sei nicht allzu gerecht und erzeige dich nicht übermässig weise!
Warum willst du dich selbst verderben?
Werde aber auch nicht allzu verwegen und sei kein Narr!
Warum willst du vor der Zeit sterben?
Es ist am besten, du hältst das eine fest und lässest auch das andere nicht aus der Hand;
Denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allem. –
Die Weisheit macht den Weisen stärker als zehn Gewaltige, die in der Stadt sind.
Weil kein Mensch auf Erden so gerecht ist,
dass er Gutes tut, ohne zu sündigen,
so höre auch nicht auf alle Worte,
die man dir hinterbringt,
und nimm sie nicht zu Herzen,
damit du nicht deinen eigenen Knecht dir  fluchen hörest!
Denn wie oftmals – das weiss dein Herz – hast auch du andern geflucht!
(Prediger 7,20-22)

2. Erste Gedanken dazu
Was für ein Wort des Herrn!

Leider kann sich Stolz als Gerechtigkeit tarnen (7,16 f.).

„Die jüdische Tradition geht sogar so weit, den Rat Kohelets auf jede Art extremer Frömmigkeit zu beziehen wie ganztägiges Beten, andauerndes Fasten und klösterliche Absonderung von der Welt. Dies führt fast zwangsläufig dazu, dass sich die andern von einem solchen ‚Weisen‘ zurückziehen und er alleingelassen, ‚verwüstet‘ dasteht. ‚Man kann an seiner eigenwillig übersteigerten ‚Gerechtigkeit‘ scheitern.(1)‘“

Es scheintt beinahe verwegen, wenn hier empfohlen wird, man solle „ nicht allzu gerecht“ sein“ und erzeige dich nicht übermässig weise!“ Man könnte meinen, dies entspreche unserer postmodernen Welt, wo gerne alles relativiert wird. Wir lassen gerne die Spannung zwischen Gut und Böse unaufgelöst. Und man erfreut sich an moralischer Zweideutigkeit. In dieser darf man dann getrost seine Sünden ausleben.  Ist das hier aber gemeint?

Eine solche Auslegung würde wohl gegen andere Bibelstellen und auch die Verse um diese Bibelstelle stehen.

Auf jedenfall sollen diese Verse unser Denken herausfordern und zum nachdenken anregen: Wie ist dies gemeint? Hier liegt sicherlich ein Grund, warum die jüdische Kultur so intelligent ist. Sie sind sich gewohnt zu denken. Etwas, was wir uns auch angewöhnen dürfen. Zudem dürfen wir Gott bitten, dass er uns zeigt, was hier gemeint ist. Und dann wird auch dieser Bibeltext zu einem Reden Gottes zu uns. (Wer diese Zeilen liest, gehört sicher zu jenen Menschen, die denken, sonst würde er sich diese Mühe nicht machen…)

3. Wie ich es verstanden habe
Ich versuche wiederzugeben, wie ich dieses Reden verstanden habe.
„Weil kein Mensch auf Erden so gerecht ist, dass er gutes tut, ohne zu sündigen.“ Vers 20 ist eine niederschmetternde Feststellung unserer menschlichen Möglichkeiten: Wir können nicht einmal bei unseren guten Taten nicht sündigen. Immer schwingt etwas unvollkommenes, etwas egoistisches und/oder selbstgerechtes darin mit. In den nächsten Versen wird diese Feststellung ganz einfach angewandt: Wir sollen nicht so genau hinhören, was alles über uns geredet wird, sonst hören wir noch, dass über uns geflucht wird. Und dann wird noch nachgedoppelt, dass wir das ja auch schon gemacht haben. Unser Herz, also unser Innerstes, wisse es.

Peng! Das ist hart.

Wer weniger postmodern denkt und wer wirklich gut handeln will, versteht sicherlich, wie diese Aussage niederschmettert. Es entblösst etwas von unserem Herzen, also von unserem innersten Wesen. Hören wir, wie viel später Paulus – als wiedergeborener Christ – das gleiche feststellt:

„Denn ich habe Lust an dem Gesetz Gottes nach dem inwendigen Menschen;
Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meiner Gesinnung widerstreitet und mich gefangen nimmt unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.
Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Todesleib?

 Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! So diene nun ich selbst mit der Gesinnung dem Gesetz Gottes, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde. (Römer 7,22-25)

Paulus sieht den Ausweg aus diesem Hang in ihm Böses tun zu wollen, indem er zu Christus flieht. Damit nicht mehr sein Menschenmögliches (= Fleisch), sondern Gottes Möglichkeit geschehen darf: Dazu gehört vor allem anderen: Das er Vergebung erlebt. Gottes Gnade und Vergebung löst unsere Unvollkommenheit. Der Prediger kannte Jesus Christus in seiner vollen Grösse, wie wir es im Neuen Testament entdecken können, noch nicht, beginnt aber mit einer ähnlichen Feststellung der Problematik: Weil kein Mensch auf Erden so gerecht ist, dass er Gutes tut, ohne zu sündigen.“ (Prediger 7,20). Daher ist es auch logisch, dass jemand, der mit eigener Kraft (fleischlich) versucht gerecht zu leben, nie Gottes Massstäbe erfüllen kann. 

Darum sind Menschen, die „allzu gerecht“ sein wollen (Prediger 7,16), in der Gefahr, sich selbstgerecht über ihre Sündhaftigkeit zu erheben. Oder mit anderen Worten gesagt, wer glaubt, er könne aus eigener Kraft gerecht leben, muss sich selber betrügen und seine sündhafte Motivation für gute Werke verleugnen. Dies wird zu einem überheblichen, selbstgerechten Menschen führen, der kein Verständnis für die Schwächen und Sündhaftigkeit anderer hat, weil er sich einbildet, er habe sie aus eigener Kraft überwunden. Darum: „erzeige dich nicht übermässig weise! Warum willst du dich selbst verderben?“ (Prediger 7,16)

Natürlich geht es hier auch, um ein vernünftiges Leben. Ein Massvolles Mass. Vers 16 und 17 spricht davon, dass dies für unser Leben gut tun wird. Und wenn wir dieses Mass nicht einhalten, gilt: „Warum willst du vor der Zeit sterben?“
Hier geht es auch darum, damit zu rechnen, dass wir auch in unseren besten Taten, Vergebung brauchen. (Hier liegt auch die grosse Gefahr, wenn man die Welt verbessern will: Ohne diese Einsicht werden die Verbesserer – unbewusst – ihre Sündhaftigkeit in ihre Neuerungen einbauen. Aber selbst, wenn wir davon wissen, werden wir es tun. Johannes Calvin war sich dessen bewusst, und hat daher auf seinem Sterbebett um Verzeihung gebeten. Er habe es gut gemeint. Aber es war nicht alles gut, was er tat (3).)

4. Zwingli und Paulus zum Thema Gerechtigkeit
Zwingli, der Reformator von Zürich, hat noch viel später als Paulus ebenfalls dieses Thema der Gerechtigkeit aufgenommen: Von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit“ 1949, zum Anlass des 60. Geburtstags des christlichen Denkers Emil Brunner wurde ein Heft herausgegeben, wo über dieses Gedanken von Zwingli nachgedacht wurde (2). Am Schluss wird festgehalten:
„Auf diesen Begriff der Gerechtigkeit lässt sich auch der Nichtgläubige ansprechen, denn die Bedeutung solcher Gerechtigkeit ist für jedes, über das eigene Ich hinausgehende Denken evident. Nachdem die Kirche in den Jahrhunderten, wo jede Obrigkeit und jeder Bürger auf seine Christlichkeit angesprochen werden konnte, den Kampf für diese Gerechtigkeit meist nur lau geführt, oder aus einem falschen Verständnis des Gesetzes auch für den Christen abgelehnt hat, darf die christliche Gemeinde heute auch da, wo sie eine kleine Minderheit in einer entchristlichten Welt ist, aber in einer freiheitlichen Demokratie dennoch Wirkungsmöglichkeiten hat, nicht zurückstehen im Kampf für diese menschliche Gerechtigkeit. Diese ist eine Forderung der Nächstenliebe, der Wille für sie zu wirken keine Anmassung von dem, was allein Gottes ist.

Der Christ, der dieser Aufgabe nachzukommen strebt, kann sich nicht einbilden, die göttliche Gerechtigkeit zu erfüllen; er ist in der Lage des Knechtes, der gerade seine Schuldigkeit getan hat (Luk 17,10).

Die Gerechtigkeit als Begriffssystem menschlicher Rechtsordnung wäre für sich allein nicht mehr als eine wenn auch noch so wichtige und wertvolle menschliche Ideologie. Sie kann nur gefunden und insbesondere nur sinnvoll angewendet werden, wenn etwas anderes, ganz anderes dazutritt: die Liebe, der Wille zur Gemeinschaft beim einzelnen Menschen. Die Liebe kommt aus der Begegnung des Menschen mit Gott in Christus. Darum ist sie Gnade und darum wurzelt auch die Gerechtigkeit, in diesem alten und wieder neuen Sinne, letzten Endes in dem, was Zwingli als göttliche Gerechtigkeit verstanden hat. Diese göttliche Gerechtigkeit bringt dem Menschen die Unvollkommenheit und blosse Vorläufigkeit jeglicher, auch der höchsten menschlichen Gerechtigkeit, und jedes Versuches zu ihrer Verwirklichung im täglichen Leben, zum Bewusstsein. Sie schafft die heilige Unruhe.“

Und diese Unruhe über uns, soll uns in den liebenden Schoss von Jesus treiben. Dort können wir unseren Kopf hinlegen und alles sagen – auch unsere Tränen über uns haben dort einen guten Platz. Dann streicht uns Christus über die Haare und sagt uns: „Es ist alles gut. Bei mir ist alles gut. Hab keine Angst. Ich habe alles für Dich in Ordnung gebracht. Meine Gerechtigkeit umhüllt Dich wie ein Mantel, wie ein weisses Kleid ohne Fehler. Ich liebe Dich, wie ich Gott den Vater liebe und Gott der Vater liebt Dich, wie er mich liebt.“

Paulus als Choleriker sagt es nüchterner:

„So gibt es nun  keine Verdammnis mehr für die, welche in Christus Jesus sind, die nicht nach dem Fleisch (= nach den menschlichen Möglichkeiten) wandeln, sondern nach dem Geist.
Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Denn was dem Gesetz unmöglich war – weil es durch das Fleisch (= menschliche Möglichkeiten) kraftlos war -, das tat Gott, indem er seinen Sohn sandte in der Aehnlichkeit des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und die Sünde im Fleisch verdammte, damit die vom Gesetz geforderte Gerechtigkeit in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist (= Möglichkeiten Gottes).“ (Römer 8,1-4)

5. Anhang
(1)    Zitat aus Wuppertaler Studienbibel, Seite 116. Hier wird aus Brandenburg (1971), 165 zitiert.
(2)    Erstaunlich, dass bereits 1949 von einer entchristlichten Welt gesprochen wurde. Dieser Text findet sich ab Seite 59 der „ZWINGLIANA, Beiträge zur Geschichte Zwinglis / der Reformation und des Protestantismus in der Schweiz“, herausgegeben vom Zwingliverein, 1949 / Nr. 2, Band IX / Heft 2 (im Internet unter www.zwingliana.ch)
(3)    Aus Johannes Calvins Abschiedsrede vom 28. Februar 1564:
„Ich habe viele Schwächen gehabt, die Ihr ertragen musstet, und selbst all das, was ich getan habe, ist im Grunde nichts wert. Die schlechten Menschen werden diesen Ausspruch bestimmt ausschlachten. Aber ich wiederhole noch einmal, dass all mein Tun nichts wert ist und ich eine elende Kreatur bin. Ich kann allerdings wohl von mir sagen, dass ich das Gute gewollt habe, dass mir meine Fehler immer missfallen haben und Gottesfurcht in meinem Herzen Wurzeln geschlagen hat. Ihr könnt es bestätigen, dass mein Bestreben gut gewesen ist. Darum bitte ich euch, dass Ihr mir das Schlechte verzeiht. Wenn es aber auch etwas Gutes gegeben hat, so richtet Euch danach und befolgt es!“
Aus Calvins letzte Worte (kopiert aus einer Predigt vom 19.7.09 in der Walpurgiskirche in Alsfeld,  s. www.reformiert-info.de):
„Ich habe mich darum bemüht, das mir von Gott anvertraute Wort in ganzer Reinheit zu verkündigen. Dabei habe ich viele Schwächen gehabt, die Ihr ertragen musstet. Und selbst all das, was ich getan habe, ist im Grunde nichts wert. Darum bitte ich Euch, dass Ihr mir das Schlechte verzeiht. Wenn es aber auch etwas Gutes gegeben hat, so richtet Euch danach und befolgt es! Achtet weiter darauf, dass kein Streit und keine bösen Worte zwischen Euch aufkommen. Und ich bitte Euch, nichts zu verändern oder Neues einzuführen.“
»Wenn der Herr uns glückliche Tage schenkt, wollen wir uns darüber freuen. Aber wenn wir von allen Seiten angegriffen werden und uns an die hundert Übel zu umringen scheinen, dürfen wir nicht aufhören, uns ihm anzuvertrauen. Denn es gibt keine höhere Macht als Gott, der der König der Könige und Herr aller Herren ist.«
Und in der Mitschrift von den letzten Worten Calvins heißt es dann:
»Danach bat Calvin den gütigen Gott darum, er wolle uns leiten, immerfort regieren, seine Gnade unter uns mehren und sie zu unserem Heil und zum Heil dieses ganzen armen Volkes wirksam werden lassen. Anschließend nahm er Abschied von allen Brüdern, die ihn einer nach dem anderen mit der Hand berührten und sämtlich in Tränen ausbrachen. Geschrieben am 1. Mai 1564, des Monats und Jahres, in dem er am 27. Tag verstarb.«

Paulus wirkt manchmal selbstbewusster als Calvin. Paulus war natürlich ein Apostel und Calvin nur ein Lehrer, Prediger und zu seinem Leidwesen ein Reformator (Calvin wollte kein Reformator sein. Er hätte sein Leben lieber in der Studierstube verbracht. Dann würden wir ihn wohl für seine geniale Auslegungen achten. Ob wir dann auch seine seelsorgerliche Begabung, die auch in seiner Auslegung und Predigt zum Ausdruck kommt, erkennen könnten? Auf jedenfall kennt man ihn heute eher als der Kämpfer, jener Mann, der geradlinig vor Gross und Klein das gleiche sagte. Dabei hat er Fehler gemacht, wie er ja selber zugibt: s.o.)

Aber auch Paulus, der Choleriker stellte fest:
„Denn wenn wir uns selbst richten, würden wir nicht gerichtet werden;“ (1. Kor. 11,31) 
oder

„Wer ist schwach, und ich bin nicht auch schwach? Wem wird Anstoss bereitet, und ich empfinde nicht brennenden Schmerz? Wenn ich mich rühmen soll, so will ich mich meiner Schwachheit rühmen.“ (2. Korinther 11,29+30)

Oder

„Und er hat zu mir gesagt, Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft wird in der Schwachheit vollkommen! Darum will ich mich am liebsten vielmehr meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft des Christus bei mir wohne.
Darum habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Misshandlungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Aengsten um des Christus willen; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ (2. Korinther 12,9-10)

Das Wort des Herrn! Und es ist auch das Zeugnis von Paulus, dass er als Choleriker, also als Willensstarker, lernen musste, schwach zu sein, damit Gottes Kraft wirken kann. Für einen Menschen wie Paulus muss dies besonders schwer gewesen sein. Er hatte einen eisernen Willen. Bereits seine Bekehrung war für ihn ein „vom hohen Ross fallen“. Aber als Christ ging es noch viel weiter. Er der ein ganz besonderes Werkzeug als Apostel und Missionar sein durfte, er den Gott benutzte um Fluch und Heilung zu wirken, musste erkennen, dass wenn er schwach war, Gottes Kraft wirken konnte. Es ist ein Wunder, dass er das erkennen durfte (und dann natürlich mit seinem starken Willen 100% sich dafür einsetzte: „Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ Für jeden anderen Charakter ist dies nicht so schwer. Der Melancholiker leidet  sowieso und ist froh um diesen Zuspruch. Der Sanguiniker mit seinem überbordenden Positivismus, nimmt es einfach an, vielleicht ohne zu bemerken, was dies in der Tiefe wirklich bedeutet und der Phlegmatiker stellt es in seiner vernünftigen Distanziertheit nüchtern fest. Aber für einen Choleriker ist es eine Bankroterklärung seines Willens. Vermutlich ist es seine Art des „Sterbens“, damit Christus herrschen kann.

Und übrigens auch Paulus sagt: „wenn ich auch nichts bin.“ (2. Kor. 12,11b) Das klingt eigentlich wieder sehr ähnlich, wie sich Calvin ausdrückte. Nur Paulus empfahl an anderer Stelle, ihn in allen Dingen nachzuahmen. Man müsste nun diese Bibelstelle noch genauer analysieren. Sicherlich meinte er nicht, dass er aus eigener Kraft perfekt gelebt hat. Das sehen wir alleine schon aus Römer 7 und 8. Er meinte wohl, auch im Sinne von 2. Kor. 12,11b ihn nachzuahmen.

Ich möchte mit diesem Gedanken schliessen:

In Christus haben wir alles. Ohne haben wir nichts. Herr hilf, dass wir in Dir ruhen und dass Du alles für uns bist.

„Und wiederum: „Der Herr kennt die Gedanken der Weisen, dass sie nichtig sind.“
So rühme sich nun niemand irgendwelcher Menschen; denn alles ist euer:
Es sei Paulus oder Apollos oder Kephas oder die Welt, das Leben oder der Tod, das Gegenwärtige oder das zukünftige – alles ist euer;
Ihr aber seid des Christus, Christus aber ist Gottes.“
(1.    Korinther 3,21-23)
Ich glaube John Piper hat u.a. über diese Worte in der Liberty Universität geredet. Bis jetzt habe ich ihn als ein ruhiger Redner kennen gelernt. Aber dieses: Alles ist euer! Lässt er in dieser Predigt sehr laut verkünden! (s. http://www.youtube.com/watch?v=MqddRLt2xJw
)

Freitag, 28. Februar 2014

Die Oekonomie von Gut und Böse


Ein Buch, das ich schon seit einigen Monaten einmal lesen wollte.

Ein Freund sah den Autor an einem Vortrag in Basel und war beeindruckt. 

Tomas Sedlacek ist ein tschechischer Oekonom. Er hat an der Karls-Universität Prag 2001 promoviert. 2001 war er ökonomischer Berater des damaligen tschechischen Präsidenten Vàclav Havel.

2003 erhielt er ein Stipendium an der Yale University in den USA. Nach seiner Rückkehr aus den USA ist er Chef-Volkswirt bei der CSOB AG, der grössten tschechischen Bank. 2009 wurde er Mitglied des Nationalen Wirtschaftrats, der den tschechischen Regierungschef berät. Daneben lehrt er noch an der Karls-Universität Prag Wirtschaftsgeschichte und -philosophie und arbeitet als Kolumnist. (aus einer Einladung zu einer Leitungskonferenz in der Schweiz im Magazin Idea Spekturm).

Der Autor ist eine Person, die etwas von Oekonomie versteht. Und er sagt in einem Interview im Kirchenborten vom März 2014:

"... heute (nach der Krise) sind wir viel bescheidener geworden ...."

"Die Art, wie wir Wirtschaft vermitteln, ist schlimmer als der Katholizismus im Mittelalter. Wir lehren ein dogmatisches Glaubenssystem."

Zu diesem Glaubenssystem gehöre das Dogma: WIR MUESSEN WACHSEN, sonst fallen wir in eine Depression.

Dann zeigt er auf, dass man Griechenland diese Krankheit diagnostizierte. "Und die übrigen Europäer erklärten, die Griechen und die anderen Südländer seien faul. Sie müssten härter arbeiten, sich stärker an die ökonomischen Modelle halten und mehr Steuern bezahlen. Dann hätten sie keine finanziellen Schwierigkeiten. 

Wenn man die Finanzkrise in Europa betrachtet, so stösst man bald einmal auf Irland und Island.die nicht im Süden liegen. Was sollte man diesen raten? Dass ihre Banker nur noch halb so viel arbeiten und sich  weniger auf die wirtschaftlichen Modelle verlassen sollten? Das irische Problem ist ein manisches Problem. Viele Leute sagen, die Wirtschaft ist depressiv. ich denke, das ist eine falsche Diagnose, und wenn die Diagnose falsch ist, dann ist vermutlich auch die Behandlung falsch. Die Wirtschaft ist manisch-depressiv. Bis 2007 waren die USA noch auf einem Wachstumskurs. Die Produktivität war hoch, die Arbeitslosigkeit war tief. Nichts zeichnete sich ab. Dann kam der Kollaps. Die Wirtschaft ist voll gegen die Wand gerannt.."

Dann bejaht er die Frage, ob das Manisch-Depressive ein Ausdruck unserer Zeit sei. Er schlägt vor, das Gebot eines Ruhetages in der Woche wieder ernst zu nehmen: "Wir Menschen haben die Tendenz, uns zu überarbeiten. Deshalb entstand dieses Gebot." 

Am Schluss dieses Interviews hinterfragt er den Glauben an das wirtschaftliche Wachsen müssen.

"Was uns zurückgeworfen hat, ist unsere Sehnsucht nach permanentem Wachstum. Es gibt kein einziges Land, das bankrott ging, weil es kein Wachstum gab. Es gibt auch keine einzige Firma, die Konkurs geht, weil sie nicht wächst. Staaten, Firmen und Menschen gehen bankrott, weil sie Schulden machen. Und Schulden haben wir gemacht, weil wir schneller wachsen wollten.

Wenn ich eine Schuld von 10'000 Franken aufnehme, hat nur ein Narr das Gefühl, dass er 10'000 Franken mehr besitzt. 

Wenn ein Unternehmen oder eine Regierung genau dies tut, und 3 Prozent mehr aufnimmt und die Wirtschaft wächst, haben alle das Gefühl, sie seien 3 Prozent reicher. Für dieses künstliche Wachstum haben wir mit einer Verschuldung bezahlt, die noch die nächste Generation betreffen wird."

Ueber den Erfolg seines Buches war er völlig überrascht:

"Es war ursprünglich eine Dissertation. Daraus verfasste ich ein Buch und dachte, dass es vielleicht 2000 Leute lesen, die sich für Oekonomie, Theologie und Psychologie interessieren. Ein Teil des Erfolgs ist wohl, dass ich nicht versucht habe, einen Erfolg daraus zu machen. Und das Timing stimmte."

D.A. Carson Wie Paulus die Bibel gebraucht: Die Lehre von der Genügsamkeit der Schrift.





Wie las Paulus das alte Testament vor seiner Bekehrung und nach seiner Bekehrung? Wie veränderte sich seine Hermeneutik? Diese fragt stellt Carson.

Um die Haltung von Paulus nach seiner Bekehrung zu beschreiben benutzt er die Aussagen von Paulus im Galaterbrief. Vor seiner Bekehrung dachte wohl Paulus, dass er durch das Ausrichten auf das Gesetz Gott gefallen wird. Nun geht Carsons auch auf die Puritaner und John Wesley’s Predigten ein und hinterfragt, ob sie das entsprechende Kapitel im Galaterbrief richtig verstanden haben.

Sie lehrten, dass man zuerst erkennen müsse, wie schuldig man sei, um die Gnade zu erkennen. Sie predigten also das Gesetz. Wenn dann jemand nach einer Lösung verlangte, predigten sie das Evangelium. Es scheint eigentlich logisch: Die Gnade Gottes wird um so grösser, wie grösser unser Verschulden ist (1). Carson denkt, dass Weley recht hatte und doch nicht recht hatte: Das ist interessant!

Was für uns wichtig ist: Paulus las das alte Testament in seinem historischen Zusammenhang. Wenn er allegorisch auslegte, legte er keinen anderen Sinn in den Text hinein. Wohl hat Paulus nach seiner Bekehrung ein anderes Auge für das alte Testament bekommen. Er kann nun das Alte Testament nicht nur mit dem Raster des Gesetztes, sondern in seiner aufbauenden Entwicklung durch die Geschichte der Menschheit mit Gott verstehen. Von ihm können wir lernen, wie die ersten Christen das Alte Testament gelesen haben. Und auch das ist sehr interessant.

Anhang:
(1)    Wer das Alte Testament nicht kennt, neigt dazu, nur eine oberflächliche Sündenerkenntnis zu haben und daher auch nur eine oberflächliche Kenntnis der Gnade. So wird die Gnade zu einer billigen Gnade, wie es Bonhoeffer einmal sagte (dies zitiert Carson nicht).
Carson denkt, hier liegt ein Grund, für eine oberflächliche Evangelisation, welche nicht zu einer tiefgehenden Dankbarkeit gegenüber Gottes Liebe und Gnade führt.
Diese Bekehrten sind dadurch oft auch nicht auf die Schwierigkeiten des Lebens als Christen vorbereitet.
Seit längerem bewegt mich dies. Denn je mehr unsere Gesellschaft die jüdisch-christlichen Wurzeln verlieren, müssen wir die ganze Bibel vermitteln, damit der Zusammenhang verstanden wird. Wie sollten die Menschen sonst verstehen, dass der Glaube kein religiöser Selbstbedienungsladen ist, sondern wirkliches Beziehungsleben?
Ein Beispiel zum Thema Gebet: Unsere Gebete werden als Christen wirklich erhört. Aber nicht so, wie wir meinen es sei gut, sondern so wie es wirklich gut für uns ist. Und das kann manchmal für uns schwer sein. Besonders wenn Gott uns im Charakter wachsen lassen will, kann dies uns weh tun. Am Schluss werden wir uns darüber freuen. Aber in der Situation kann es sein, dass es gar nicht lustig ist. Und trotzdem liebt und Gott und will das Beste für uns geben UND gibt das Beste für uns.

D.A. Carson - Nur zwei Lebensoptionen? (Just Two Ways to Live?)

 

D.A. Carson: Einmal nicht nur auf englisch, sondern sogar auf Deutsch übersetzt: Cool.
Er legt seine Gedanken zum Psalm 1 aus. Dabei geht er auch auf Hiob ein.

Letzte Woche kamen wir in unserem Hauskreis am Donnerstag durch ein Lied, dass Psalm 1 vertont: "Wohl dem der nicht wandelt..." ebenfalls auf dieses Thema. Dabei meinte jemand, dass töne ihm sehr gesetzlich. Jemand anderes und auch ich waren der Meinung, dass dies nicht so gemeint sei, schliesslich ist man ja nur aus Gnade ein Gerechter. (Rechtfertigung allein aus Gnaden.)

Interessant ist nun, dass Carson genau dieses Empfinden aufnimmt, dass der Psalm 1 etwas selbstgerechtes, ja überhebliches enthalte! (Ich bin natürlich immer noch davon überzeugt, dass wir durch das Geschenk Gottes uns als Gerecht bezeichnen können, nicht weil wir aus uns gerecht machen könnten. So wie es im NT und im AT bezeugt wird, ist es ein reines Geschenk und kann nie ein Grund für Ueberheblickeit sein. Christen werden nur überheblich, wenn sie die Gnade nicht richtig verstanden haben. Denn die Gnade ist wohl die grösste Demütigung für unser Leistungsdenken. Dass ist wohl auch der grösste Anstoss, der Jesus uns Menschen gibt: Sich einfach ohne Leistung lieben zu lassen, beleidigt unseren Stolz. Denn wir wollen geliebt werden, weil irgend etwas in uns gut ist und nicht einfach bedingungslos. Auf der anderen Seite sucht ja jeder genau diese bedingungslose Liebe, dieses bedingungslose Angenommensein, dass uns erfüllt, Ruhe gibt und uns ins Shalom bringt.) 

Carson zeigt eine Spannung zwischen dem Gerecht sein auf und uns Mensch, wie wir es nicht  erreichen können. Es ist eigentlich auch die Heiligkeit Gottes und unserer Mangel an allem. Erst im Kreuz von Jesus Christus trifft sich dies.

Ich finde es herrlich, Carson zu erleben, wie lebendig er referiert. Und ich finde es ganz toll, dass er in Europa predigte. John Piper war ebenfalls an diesem Anlass. Interessanterweise war er vorher in Osteuropa und in Genf! Leider wusste ich das nicht. Das wäre interessant gewesen, ihn live zu sehen....



Freitag, 21. Februar 2014

Lukas und die Apostelgeschichte (und Gedanken zu Indianer und Kavalleristen)



Lukas und die Apostelgeschichte (und Gedanken zu Indianer und Kavalleristen)

Gestern hatten wir einen wunderbaren Hauskreis. 

Wir haben erlebt, wie die Gaben des einen durch die Gaben des anderen ergänzt wurden. Es war für mich ein so schönes Erlebnis. Dafür möchte ich meinem Gott danken:
„Vielen Dank Herr.“

Als wir nach einem Lied, Gebet und Austausch zum Thema kamen, liess ich von Youtoub ein Ausschnitt zum Thema Lukas-Evangelium laufen (zu finden unter dem Titel „Lukas: Ein Evangelist zum anfassen“.) Professor Hermann Josef Venetz, Freiburg spricht, vermutlich in einem Obwaldner Dialekt mit Herrn Rolf Maienfisch, Murten und der Moderation Rita Püro Spengler, Brugbühl über das Lukas-Evangelium und Lukas. Um das Dialekt verstehen zu können, muss man die Ohren etwas spitzen. Im Grossen und Ganzen ist es eine tolle Einleitung. Ich bin begeistert, das Römisch-Katholische sich so intensiv mit dem Markus-Evangelium befassen und nun das Lukas-Evangelium ebenso intensiv lesen. Dabei kam mir der Gedanke, dass es dann ja nicht so schlimm ist, wenn wir Reformierten uns in Nebensächlichkeiten verlieren und uns langsam auflösen. Im gleichen Moment, wo ich dies schreibe, tut mir dieser Gedanke auch weh. Es wäre schön, es gäbe wieder diesen Geist des Bibellesen auch bei uns Reformierten. Natürlich gibt es den vereinzelt auch. Aber leider ist es eine Ausnahme. Zum Glück gibt es auch grosse Ausnahmen. Aber es wäre schöner, das es keine Ausnahme, sondern die Regel wäre. 

Dann würde ich mir weniger Sorgen um unsere Zukunft machen.
Heue ist es ja so, dass in der Schweiz die Katholiken öfters die Bibel lesen als wir Reformierten. Und ich bin nicht mal so sicher, ob in jeder evangelischen Freikirche so intensiv die Bibel gelesen wird, wie in diesen Gruppen zu denen dieser Youtoube-Beitrag gehört.

Nun, wir haben in unserem Hauskreis für die nächsten Donnerstag-Hauskreisabend das „Projekt“ gestartet, die Apostelgeschichte zu lesen. Hierzu habe ich gestern am ersten Abend dieser Reihe noch eine Power-Point-Präsentation über Lukas und die Apostelgeschichte gezeigt. Dabei ging ich auch ein wenig auf die meiner Meinung nach unnötigen Zweifel der Bibelkritik ein (Man zweifelt zum Beispiel erst seit dem 19. Jahrhundert die Verfasserschaft von Lukas an der Apostelgeschichte an. Aber dies scheint mir, mit anderen Theologen nicht sehr schlüssig.) Auf jedenfall ist dieser Lukas, eine interessante Person: Er war kein Jude, sondern ein Heide. (Seit der Zeit des Bundes Gottes mit Israel bezeichnet die Bibel alle Nichtjuden als  Heiden. Das ist nicht generell abwertend, da es auch gottesfürchtige Heiden gab und gibt.) Er war Arzt und hoch gebildet.

Im Gegensatz zu Johannes, der mit nur 900 Worten das Johannes-Evangelium schrieb, benützt Lukas eine detaillierte Sprache. Gerade die ersten Verse sollen klassisches Griechisch darstellen. (Das ganze Neue Testament ist in Koine Griechisch, des damaligen Umgangs-Griechisch. So wie wir heute Schweizerdeutsch reden, redete man damals ich gesamten römischen Reich Griechisch: Alles was mit Kultur, Handel und Leben zu tun hatte. Die offizielle Sprache der Administration war damals das Latein der Römer. So wurde Latein wie bei uns Schriftdeutsch verwendet: Für offizielle Papiere usw.

Lukas beginnt also mit eine klassischen Griechisch. Danach wird er wieder einfacher. Da ist das Johannes-Evangelium ganz anders. Seine Genialität ist mit einfachen Worten tiefe Wahrheiten weiterzugeben. Dabei kann sich Johannes auch gerne wiederholen, um auf eine andere Art, nochmals das gleiche zu sagen. Lukas geht da ganz anders vor. Er ist eher der Wissenschaftler, der einen spannender und unterhaltender Bericht über die Geschehnisse geschrieben hat, wobei er seine Gelehrsamkeit nicht verleugnet. Dabei ist er, um Professor Hermann zu zitieren, nicht moralisierend, sondern spannend erzählend. Er geht ins Details und wird doch nie zu lange, sondern schafft mit den detaillierten Beschreibungen den Raum, wo wir das Geschehen miterleben. Die Apostelgeschichte ist die interessante Fortsetzungsgeschichte des Lukas-Evangelium. Im ersten Kapitel, dass wir ebenfalls gestern gelesen haben und dann später noch in einem Film angesehen haben (s. „Apostel-Geschichte, die Bibel Live“ vom Hänssler DVD, Bestel-Nr. 710.015), sieht man den auferstandenen Jesus, wie er sich von seine Jüngern verabschiedet und in den Himmel auffährt. Und da stehen sie nun. Sie können wohl noch kaum fassen, was da geschehen ist. Zwei Männer in weiss, es werden wohl Engel gewesen sein, stehen plötzlich unter ihnen und sagen prägnant:

„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr hier und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird in der selben Weise wieder kommen, wie ihr ihn habt in den Himmel auffahren sehen.“ (Apg 1,11)

Dieser Vers fasste am Abend jemand so zusammen: In einem Vers, ja in einem Satzteil wird soviel gesagt. Und das erste Kapitel geht noch weiter. Das Kennzeichen dieser ersten Gemeinschaft nach der Himmelfahrt Jesu war: Gemeinschaft.

„Diese alle blieben beständig und einmütig im Gebet und Flehen zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu und mit seinen Brüdern.“ (Apg 1,14)

Möge uns Gott auch geschwisterliche Gemeinschaft geben. Indem wir uns mit unsere Schwächen durch die Stärken der anderen ergänzen und nicht nur an uns reiben. Diese erste Gemeinschaft musste warten. Sie beteten. Ja, sie flehten. Vermutlich flehten sie, weil sie das alles, was um sie und mit ihnen geschah noch nicht verstehen konnten. Sie hatten Orientierungsschwierigkeiten: Wie weiter? Jesus war noch nicht da. Der Heilige Geist war noch nicht in seiner ganzen Fülle ausgegossen. Da machten sie das einzig richtige: Sie warteten auf Gottes Handeln (Gut, sie warteten nicht nur, sondern wählten noch einen Ersatz-Apostel für Judas, den Verräter. Dies ist ebenfalls noch im ersten Kapitel beschrieben. Die Frage besteht, ob das Sinn gemacht hat. Auf jedenfall hört man von  diesem neu gewählten Matthias in der Bibel nichts mehr. Diese Wahl kann man als Beispiel nehmen, wie man Leiter in einer Gemeinschaft, Gemeinde, Kirche wählt. Calvin benützt jedenfalls dies in seiner Institutio, indem er die Meinung äussert, man sollte im Idealfall durch die Gemeinde zwei Personen zur Auswahl auswählen, damit sie auch eine Wahl haben. Bei Thimoty Keller, einem Pfarrer einer presbyterianischen Kirche in New York, habe ich von einer genialen Umsetzung dieses Gedanken gelesen, dass man durchaus übernehmen könnte: Jedes Gemeindemitglied kann über Internet einen Diakon oder eine Diakonin vorschlagen. Jährlich werden dann diese zur Wahl aufgestellt. Wie sie es mit den Aeltesten handhaben, habe ich nicht gesehen. Aber ich war erstaunt, als ich neben einer beinahe unzähligen Schar von Diakonen und Diakoninnen, sicherlich 50 Aelteste sah. Das muss eine ganz besonders fähige Leiterschaft sein, dass sie sich unter so vielen einigen können. Es wäre interessant, dass genauer zu betrachten (s. unter www.redeemer.com. Gerade eben fand ich diese Internet-Seiten nicht mehr. Vermutlich haben sie ihre Homepage wieder anders gestaltet. Diese reformierte Kirche ist so etwa von dynamisch, da wäre es schön, wir würden etwas von ihr lernen. Uebrigens auch von der anglikanischen Landeskirche und den Freikirchen in England, wo diese fruchtbar zusammenarbeiten. Das führt auch dazu, dass die Anglikanische Kirche wieder wächst und neue Gemeinden gründet. Auch wenn in der Schweiz die Idee herrscht, dass Landes- und Freikirche irgend einen Qualitätsunterschied mache, bin ich da ganz anderer Meinung: Es kommt darauf an, wie man diese Kirchenformen füllt. Es ist nur ein Unterschied in der Form. Zudem erhalten Landeskirchen staatliche Subventionen in Form von Steuergeldern. In den USA gibt es diese Unterscheidung nicht. Dort sind eigentlich alles Freikirchen. Dort wählt man sich eine Kirche aus, die einem gefällt, wobei konfessionelle Unterschiede weniger wichtig sind, als bei uns. Das liegt vermutlich auch an der Art der Amerikaner, lösungsorientiert zu sein, während wir Europäer eher komplexer Denken, vielleicht sogar uns eher in weniger wichtigen Details verlieren, während wir das Wesentliche vor lauter weniger Wesentlichem nicht sehen. Vielleicht haben wir darum manchmal den Eindruck, die Amerikaner seien etwas ignorant, weil sie sich gar nicht gewohnt sind, so kompliziert wie wir zu denken. Ich selber halte viel von Geschichte und Geschichtsbewusstsein. Gerade in der evangelikalen Szene in der Schweiz habe ich manchmal den Eindruck, dass man alles neu erfinden möchte, anstelle, dass man aus der Geschichte profitieren würde. Seit 2000 Jahren versucht man Kirche zu leben und manches falsch und manches richtig gemacht. Würde man aus der Geschichte schöpfen, könnte man wie bei einem Budget für ein Geschäft, bereits im Voraus abschätzen, was zu was führen wird. Man darf allerdings die Geschichte nicht ideologisch seinem Wunschdenken anbiegen…

Wer Freude am Neuen Lernen hat, wird wohl weniger in diese Falle tappen. Ich denke auch, dass in der Schweiz, obwohl wir Mitten in Eurpa sind, eine sehr grosse Vielfallt herrscht. Diese Vielfallt erklärt wohl auch die hohe Innovation. Zugleich werden wir aber auch von Europa nicht so gut verstanden. Alleine die letzte Volksabstimmung zeigte dies. Oder wenn ein deutscher Politiker, der vor nicht so langer Zeit in der BRD Kanzler werden wollte, zu unseren Bundesräten (Das ist unsere Bundesregierung. In Frankreich und USA wäre das vielleicht mit dem Präsidenten zu vergleichen.), als Indianer bezeichnet und er die Kavallerie senden will, um "Ordnung" zu schaffen, sagt dies genügend aus. 

Ich muss sagen, ich habe eben ein Buch über Chief Josef, einem Indianerhäuptling, gelesen. Wickipedia nennt ihn eine Art indianischer Napoleon. Dieser Indianer war kein Dikdator, sondern ein gewählter Leiter, der die wichtigen Entscheidungen in einem Concil vorlegte und wo dann die eigentliche Entscheidung gefällt wurde. Chief Josef, der jüngere und seine Fähigkeit als Stratege war so genial, dass sie an Napoleon erinnerte. Wenn wir mit solchen Indianern verglichen werden, ist das eigentlich keine Beleidung. Da hat der deutsche SPD-Politiker wohl die direkte Demokratie richtig verstanden und seine eigene Ablehnung dageben geäussert? Man müsste ihn fragen. Auf jedenfall fände ich es genial, so frei wie ein Indianer leben zu können. Frei seine Meinung äussern zu können und am politischen Werdegang aktiv mitzuwirken. Nicht nur die Regierung zu wählen, sondern auch an den Entscheiden mit meiner Stimme teilzunehmen. Dazu gehört auch, dass der Häuptling oder die Leiter sich nach dem Volksentscheid richten. Unser letzter General Guisan in der Schweiz wurde ebenfalls gewählt. Nachdem der 2. Weltkrieg vorbei war, trat der General zurück in die Reihe. Er war wieder ein „normaler“ Bürger und benutzte dabei genau die gleichen Worte, wie sie in diesem Buch für die Häuptlinge der Nez-Percé benutzt werden, wenn sie abgewählt wurden oder ihr Auftrag erfüllt war. 

Vielleicht sind wir Schweizer ein wenig wie Indianer? In diesem Sinne bin ich das auch gerne. Ich denke es ist auch eine gesunde Regierungsform, die direkte Demokratie, wenn man sich an den guten Massstäben Gottes ausrichtet. Ansonsten besteht die Gefahr, dass ein Mehrheitsdiktat entsteht. Zu einer gesunden Demokratie gehört immer auch eine Achtung vor der Meinung eines anderen. Wenn die andere Meinung, die man ablehnt, nicht mehr mit Argumenten angegangen wird, sondern einfach mit der moralischen Keule, dann wird es gefährlich. Meinungsdiktatur und politische Diktatur folgen sehr rasch. In Sache Demokratie hat die Schweiz eine lange Tradition. Darum können sich wohl auch so viele unterschiedliche Nationen in der Schweiz niederlassen: Ca. 25%, d.h. jeder vierte ist hier ein Ausländer. Viele der Zugezogene liessen sich auch einbürgern. Andere sind hier geboren und liessen sich nicht einbürgern. Die Schweiz fühlt sich eigentlich nicht als Einwanderungsland und doch ist sie eines. Als ich noch zur Schule ging, gab es ca. 6 Mio. Einwohner in der Schweiz, nun sind es 8 Mio. - und das bei einer kleinen Geburtenrate.

Ein deutscher Manager, der eine grosse schweizer Unternehmung leitet, stellte einmal erstaunt fest, dass in der Schweiz der Kompromiss ein eigener Wert darstellt. Aber wie anders hätte ein Land mit 26 Kantonen (= Staaten), mit zwei grossen Konfessionen, vier Landessprachen, unterschiedlichem Geschichtsverständnis zusammenleben können? Gerade die reformierte Theologie schütze – auch die Römisch-Katholischen Gegenden – vor dem Hierarchiegedanken der Neuzeit in lateinisch geprägten Länder. So konnte das alte, mittelalterliche Genossenschaftswesen, in der Schweiz sehr gut überleben. Neben den zahllosen kleinen Genossenschaften gehören auch grosse Firmen wie die Migros und der Coop zu den Genossenschaften. Und die Schweiz selber bezeichnet sich als schweizerische Eid-Genossenschaft. Auch in diesem Sinne ähneln wir also den Indianern. Nur haben wir im Gegensatz zu den Indianer hin und wieder auch Talsperren gebaut und unsere Grenzen verriegelt. Allerdings wollten wir immer Handel treiben, weil wir mit unserem rohstoffarmen Land ja gar nicht anders überleben können. Und es gab immer ein Austausch über verschiedene Kulturen hinweg, in und ausserhalb der Schweiz. Und eigentlich wirken wir ja normalerweise auch sehr entgegenkommend. Das liegt sicherlich an unserer Kompromissbereitschaft und auch an unserem Willen, uns an eine andere Kultur anzupassen. Denn es herrscht ja bei uns das Prinzip, dass die Kultur am Ort nicht verletzt wird. D.h. ich als Reformierter werde in einer katholischen Ortschaft nicht an einem für sie heiligen Tag öffentlich arbeiten. Ich nehme Rücksicht auf ihre Gefühle. Oder wenn ich im Tessin bin, der mediterranen Schweiz, verstehe ich, dass es den Tessiner nicht so gefällt, dass soviel schweizerdeutsche Dialekte gesprochen werden, anstelle ihrem Italienisch usw. Ich verstehe ein wenig ihren Unmut. Dieses Verständnis ist wichitg und ist vielleicht in grösseren Ländern oder Kulturen, die sich besser fühlen, weniger verbreitet? 
Aber sicherlich können wir dann auch eher wieder eigenwillig wirken. Vorallem für Menschen, die gerne ihren Willen durchzwingen, anstelle gemeinsam den Weg zu beschreiten.

Vielleicht ist es sogar dieser Kontrast: Nachgiebig und dann auf einmal nicht mehr nachgiebig, das verwirrt. Wir haben weniger stark wie hierarchische Länder gelernt, dass der Mächtige immer Recht hat. (Das wäre auch nicht biblisch.) Wir müssen nicht erst Politiker fragen, was sie denken, um zu wissen was wir denken. Und dennoch ordnen wir uns stark ein, d.h. wir haben auch ein Gruppenverhalten. Und dann doch wieder ein grosses Streben nach Individualität. Ich kann es selber nicht richtig fassen. Und sicherlich gibt es hier starke Unterschiede von Mensch zu Mensch.

Leider nahm das jüdisch-christliche Element in unserer Gesellschaft ab. Mögen wir während der Reformationszeit einen starken Gegensatz zwischen reformiert und katholisch gehabt haben und im 19. Jahrhundert einen starken Gegensatz zwischen Radikalliberalen und Konservativen, so waren doch wichtige Elemente dieser jüdisch-christlichen Kultur selbst dem radikalsten Liberalen noch wichtig, wenn er auch zum Materialismus neigte… Wer gar General Dufour von jener Zeit studiert, findet einen sehr besonnen Mann, der das Trennende verbindet. Ja sogar im Krieg gegen den römisch-katholischen Sonderbond, dem letzten Bürgerkrieg in der Schweiz, gibt er Befehl, für die Artellerie keine zu zerstörrerische Muniton zu verwenden. Schliesslich kämpft man gegen Brüder und er möchte so wenig wie möglich Blut vergissen. Bei der Revolution in Genf hält er als Soldat den Rat der Stadt vor Gewalt zurück. Leider halten sich die Rebellen, die Radikal-Liberalen, nicht an diese Gewaltlosigkeit. Später wird der Dufour sogar von einem aufgebrachten Mopp in Genf zusammengeschlagen. Dabei verdankten sie ihm viel in dieser Auseinandersetzung.Später wird Dufour Mitbegründer des roten Kreuzes.

Wäre die Schweiz nur katholisch, so wäre Niklaus von der Flüh der Nationalheilige. Ich selber, als Reformierter, bin von ihm beeindruckt. Als Hauptmann (wenn man will als Häuptling) im Krieg betet er auch für seine Feinde. Enttäuscht über die Realität der christlichen Gesellschaft wird er ein Einsiedler und legt alle Macht als angesehener Bauer, Richter und freier Bürger seines Standes (Kantons) nieder und lebt von Nichts in einer Hüte in den Bergen. Von hier beeinflusst er aber das Weltgeschehen, durch Gebet und Seelsorge. Aus ganz Europa pilgern Menschen zu ihm. Unter anderem verhindert er in der Schweiz einen Bürgerkrieg zwischen Land- und Stadtkantone.

Diese zwei Personen verkörpern ein wenig jene Schweiz, die auch etwas ironisch im Asterix-Band "Die Helvetier" erzählt wird. Da werden die Römer zusammengeschlagen, um sie dann wieder zu verarzten. Dies ist auf lustige Weise eine Darstellung einer christlichen Haltung: Wir sind Sünder und verletzen uns und  den Nächsten. Aber Gott vergibt und nach Auseinandersetzungen versöhnt man sich wieder, indem man auch die Blessuren der Feinde heilt. Was kann mehr von einer gefallenen Welt mehr erwarten?

Nun schwinden diese jüdisch-chrisliche Wete und ich hoffe, dass dies nicht zu mehr Eigennutz führen wird und so unser Land gefährdet. Denn die Schweiz kann nicht ohne vernünftiger Kompromiss und Verständnis für den Andersdenkenden überleben. Sie würde sich in Stücke zerreissen – und zwar in tausend kleine Stücke. Meine Hoffnung ist, dass die neue heidnische Gesellschaft nicht alle jüdisch-christlichen Wert über Bord wirft. Denn es gibt auch ethnisch sehr hochstehende heidnische Gesellschaften. Bereits Zwingli, der Reformator von Zürich, nahm vor 500 Jahren an einer edlen heidnisches Gesellschaft ein Beispiel, indem er uns (damals noch christlichen) Eidgenossen mahnte, wir sollen uns als Christen ein Beispiel an jenen Heiden nehmen, die uneigennützig handeln. Hoffen wir, dass diese Haltung trotz schwindendem Christentum herübergerettet werden kann. 

Dazu gehört auch, dass wir unterschiedliche Meinungen mit Argumenten abwägen. Dass wir versuchen den anderen zu verstehen. Sobald wir aber eine andere Meinung nicht mehr mit Argumenten angehen, sondern einfach als unmoralisch disqualifizieren, wird es gefährlich. Denn wir brauchen keinen religiösen Fanatismus, um fanatisch zu werden. Das geht auch in einer Ideologie. Und ich fürchte, dass unsere westliche Gesellschaft sich dieser Gefahr öffnet. Zudem gilt der Grundsatz, dass man die Fehler anderer viel besser erkennt, als die eigenen Gefahren. Das macht es so schwer. Es hilft aber, wenn wir uns dessen bewusst werden.

Uebrigends schlussendlich wurden die Nez-Percé von einem Offizier besiegt. Gerade dieser Offizier, der später General wurde, liess mehrmals Chief Josef bei ihm übernachten und unterstützte ihn, damit er mit dem Präsidenten der USA und vor dem Kongress reden konnte. Und dieser Indianer konnte gut reden. Er musste ja auch schon vorher in seinem Volk mit Worte überzeugen können.
Auf diese Art wurde es ganz praktisch möglich, dass unterschiedliche Welten miteinander reden konnten. Es kam in diesem Fall nicht so gut für die Indianer heraus. Der Häuptling war enttäuscht, weil viel geredet, aber wenig danach gehandelt wurde. Was mich aber besonders erstaunte, war, dass eine Rede von Chief Josef in Washington sehr viel von den Idealen der USA beinhaltete! Freiheit, Gleichheit, Rechtssicherheit. Ist das eine Ironie der Geschichte? Oder kann es sein, wenn wir miteinander Reden, dass sich bei manchem anscheinenden Widersacher dennoch sehr viele ähnliche, ja sogar gleiche Ziele finden? Wie auch immer: Wenn wir lernen miteinander zu reden, dann kann es geschehen, dass

Indianer und Kavalleristen miteinander reden können. Und das ist schon viel besser, als wenn man sich gegenseitig Tot schiesst.